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Leidenschaft Fußball / 6.6.08

Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass Sport in meinem Leben bisher keine Rolle spielte, oder besser gesagt keine positive. Das hat sich geändert.

Schon als Schüler hasste ich den Schwimm- und Sportunterricht. Wegen des ererbten Hangs zu Ruhe und Trägheit? Wegen meiner Ungelenkigkeit? Wegen der großmäuligen Sportskanonen in meiner Klasse? Wegen des Zynismus' und der Schikanen unseres affenartigen Sportlehrers? Ich weiß es nicht.

Jedenfalls mied ich bis ins fortgeschrittene Mannesalter Sportvereine, verbrachte die Stunden, während alle anderen vor dem Fernseher großen Sportereignissen beiwohnten, zufrieden im Garten beim Unkrautjäten und widerstand der Versuchung, die vor ein paar Jahren viele meiner Freunde und Bekannten ergriff, nämlich durch Jogging oder Walking die Fitness derart zu steigern, dass sich berechtigte Hoffnungen ergeben, die Lebenserwartung eines Methusalems zu erreichen. Elfriede, meine Ehefrau, teilt mein Desinteresse. Genau genommen war diese Seelenverwandtschaft, die wir in der Tanzstunde entdeckten, sogar einer der Gründe, warum wir uns näher kamen und so gut verstanden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Meine direkten Nachbarn können auch nicht als Sportinteressierte bezeichnet werden. Professor Schrade, er lehrt Betriebswirtschaftslehre, spielte wohl eine Zeitlang Tennis und Golf. Bei ihm habe ich allerdings den Eindruck, dass seine Mitgliedschaften weniger mit dem Wunsch zu tun hatte, Sport zu treiben. Heute liegen seine Schläger in der Garage – Miniskusprobleme, sagt er. Aus unseren Gesprächen über den Gartenzaun gewann ich den Eindruck, dass Professor Schrade sich heute weniger für die hübschen jungen Damen und die einflussreichen Sportkollegen im Tennis- und Golfclub interessiert als für optimale Anlagemöglichkeiten.Unser Geplauder am Gartenzaun beschäftigt sich ausschließlich mit der Entwicklung von DAX, Tec DAX, Down Jones und Investmentfonds.

Mein anderer Nachbar, Dr. Neumann, ist Biologe. Seine Freizeit gehört seinen zoologische Leidenschaften und diversen Aktivitäten im Bund für Umwelt- und Naturschutz. Hunde, Katzen, Bienenvölker, alle heimischen Vogel- und Insektenarten sowie Fledermäuse machen das Grundstück um sein Haus, das nach strengen ökologischen Grundsätzen angelegt ist, zu einem exotischen Privatzoo.

Vor ein paar Wochen begannen sich diese wohl geordneten Verhältnisse zu ändern. In meinen Gesprächen mit Schrade fiel mir auf, dass er immer häufiger von den Qualifikationsspielen zur Fußball-EM sprach. In wortloses Erstaunen versetzten mich dabei nicht nur seine Kenntnisse unzähliger Details, sondern vor allem der große Eifer, mit dem er über Fußball redete. Neumann, der sonst, wenn er überhaupt Zeit für ein Gespräch hatte, über Baumpflanzaktionen im Donauried oder ähnliches berichtete, suchte meine Nähe und zählte alle Spieler des deutsche EM-Kaders auf und gab ausführliche Erläuterungen zu Schwächen und Stärken der Kicker sowie zum Zustand ihrer Beinmuskulatur, Bänder und Gelenke.

Von da an überschlugen sich die Ereignisse: Meine Nachbarn trugen in ihrer Freizeit die Trikots der deutschen Nationalmannschaft, aus ihren geöffneten Wohnzimmerfenstern drangen jetzt an Wettkampftagen die Stimmen von Fußballkommentatoren unterbrochen von wilden Schreien Professor Schrades und Dr. Neumanns, in Schrades Vorgarten stand plötzlich einen Fahnenmast, an dem die deutsche Flagge gehisst war, und neuerdings singt Neumann, wenn er neben seinem Froschteich steht, die Nationalhymne, wobei ihn sein Berner Senn, der ein schwarz-rot-gold gemustertes Leibchen trägt, mit großen Augen anschaut.

Was soll ich lange drum herumreden : So viel Begeisterung, solche Leidenschaft wirkt ansteckend. Elfriede und ich haben uns in der Schneiderei Trikots anfertigen lassen, weil unter der Konfektionsware leider nichts Passendes zu finden war. An der Fassade unseres Hauses prangt jetzt eine Deutschlandfahne, vor der wir in den Pausen zwischen den EM-Spielen auf unseren Gartenstühlen sitzen und die Triumphe unserer Nationalmannschaft genießen werden. Das Größte aber wird sein: Zum ersten Mal in unserem Leben werden wir zusammen mit den Nachbarn auf dem Münsterplatz ein Public Viewing besuchen – selbstverständlich mit den Farben Schwarz, Rot und Gold im Gesicht.