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J.R.Moehringer, Tender Bar (2007)

Sie liegt auf Long Island in dem kleinen Küstenort Manhasset ein gutes Stück vom Herzen New Yorks entfernt, sie heißt „Publicans“ vormals „Dickens“. Dieser Bar setzte J.R.Moehringer in seinem im Februar in Deutschland erschienenen Roman Tender Bar auf 459 Seiten ein literarisches Denkmal.

John Josef Moehringer (genannt JR für junior) wächst bei seiner alleinerziehenden Mutter auf. Der Vater ist ein Hallodri, der sich der Verantwortung für Frau und Kind entzieht. Der Junge sehnt sich nach seinem Vater, doch die Begegnungen mit diesem im Verlauf des Romans sind enttäuschend und ernüchternd. Im Haus des Großvaters, in dem JR und seine Mutter lange leben, findet der Junge weder Geborgenheit noch Orientierung.

Schon als Knabe steht er vor der Bar und macht seine Beobachtungen: „ Reich und arm, fein und heruntergekommen – im Dickens verkehrten alle möglichen Männer, und alle gingen mit schwerem Schritt durch die Tür, als laste ein unsichtbares Gewicht auf ihnen. Sie gingen wie ich, wenn meine Schultasche voller Bücher war. Aber wenn sie herauskamen, schwebten sie.“ (79) So macht sich JR auf die Suche nach jemandem, der den fehlenden Vater ersetzt; im Barkeeper Charlie, seinem Onkel, und einigen Stammgästen des Dickens findet er, was er sucht: „Früher sagte ich oft, in Steves Bar hätte ich die Väter gefunden, die ich brauchte, aber das stimmte nicht ganz. Irgendwann wurde die Bar selbst mein Vater, und die vielen Männer in ihr verschmolzen zu einem gewaltigen männlichen Auge, das mir über die Schulter blickte...“(15/16).

Früh entdeckt Moehringer die Faszination, die von Worten und Sätzen ausgehen kann; leider fehlt ein Mentor, der in der Lage ist,sein Interesse zu fördern und zu kultivieren. Die Großmutter kann zwar fesselnd Geschichten erzählen, für die Rolle des Lehrers taugt sie nicht. So werden zwei schrullige Buchhändler zu JRs Lehrmeistern: „Bücher bildeten den Schwerpunkt auf Bill und Buds Unterrichtsplan, aber dabei beließen sie es nicht. Sie widmeten sich meiner Sprechweise und brachten mir bei, meinen Long-Island-Akzent zu ändern.“(144) Ihrem Einfluss ist es zu danken, dass der Junge den Mut findet, sich in Yale zu bewerben, und er hat Erfolg: Er wird zum Studium an der Eliteuniversität zugelassen und erhält eine Studienbeihilfe, ohne die ihm ein Studium nicht möglich gewesen wäre.

Mit Eifer und Fleiß beginnt Moehringer sein Studium, doch schon am ersten Tag spürt er seine Defizite gegenüber den Kommilitonen: „Abgesehen von den sichtbaren Dingen wie Kleidung, Schuhe und Eltern, fiel mir an jenem ersten Tag ihr Selbstvertrauen auf. Wie die Augusthitze schien ihr Selbstvertrauen in flirrenden Wellen vom Unigelände aufzusteigen, und wie Hitze zehrte es an meiner Kraft. Ich überlegte, ob man Selbstvertrauen erwerben konnte oder ob man damit zur Welt kam...“ (197).

Die Mutter kann ihn nicht unterstützen,mit verschiedenen Jobs verdient er sich Geld. In Yale begegnet er Sidney und es entwickelt sich eine dramatische Liebesgeschichte mit allem, was dazu gehört: selbstvergessener Liebestaumel, Betrug, Trennung, Leid – und - nach einer längeren Pause - die gleiche Geschichte noch einmal. Mit mäßigem Erfolg schafft er trotz aller Turbulenzen seinen Abschluss und landet nach einem Intermezzo als Verkäufer für Heimdekor als Praktikant bei der New York Times. Hier ist er richtig: „Mir dämmerte, warum mich die Times seit meiner Jugend faszinierte...Journalismus bot genau die richtige Mischung aus Korrektheit und Rebellion. Reporter der Times tragen Anzüge ... lesen Bücher und führen Feldzüge für die Unterdrückten – aber sie tranken auch viel und erzählten Geschichten und gingen in Bars.“(288)

Es dauert, es gibt Rückschläge, am Ende aber steht der berufliche Erfolg Moehringers, von dem im Roman nicht mehr erzählt wird und der dem Journalisten schließlich den Pulitzer Preis einbringt für seine Geschichten über Schwarze in Amerika, Obdachlose und in Not geratene Kinder. Möglich wird dies nur, weil es ihm immer wieder gelingt, Selbstzweifel und Laschheit zu überwinden, sich ehrgeizig ein Ziel zu stecken und es beharrlich zu verfolgen. Während all der Jahre, über die er in seinem Roman erzählt, ist JR ständig Gast in seiner Stammkneipe: „Ich kehrte wieder rund um die Uhr im Publicans ein...vergrub mich in der Bar...gehörte zum Inventar...Ich nahm meine Mahlzeiten im Publicans ein...erledigte meine Telefonate vom Publicans aus...las und schreib und sah fern im Publicans. Auf manchen Briefen gab ich das Publicans als Absender an. Es sollte ein Scherz sein, aber eine Lüge war es auch nicht.“(358)

Immer liegt vor Moehringer auf dem Tresen sein aufgeschlagenes Notizbuch, in dem unzählige Beobachtungen und Zwiegespräche genauestens notiert werden. Auf diese Weise entstanden wunderbare Porträts einiger Stammgäste und „Väter“ des Autors sowie etliche bezaubernde Geschichten. J.R.Moehringers Roman sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen, wohl wissend, dass die „Helden“ des Publicans im Kern sehr tragische Gestalten sind.

(P.S. Wenn Sie ein Beispiel hochnäsiger und unsensibler Literaturkritik studieren wollen, dann lesen Sie, was der Rezensent Ulrich Baron am 19.3.2007 unter dem Titel „Glücklich, weil es Bier gibt“ zu Moehringers tollem Buch zu sagen hatte. Stellenweise hat man bei dieser „Besprechung“ den Eindruck, dass sich der Kritiker gar nicht der Mühe unterzog, das Buch aufmerksam und ganz zu lesen)

Broschiert. 464 Seiten.Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: 1 (April 2008)