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John Irving, Witwe für ein Jahr. (1999)
Neben Updike, Roth und Auster zählt John Irving zu den bekanntensten amerikanischen Schriftstellern. Auch in Europa liest und schätzt ihn ein großes Publikum. „Witwe für ein Jahr“ ist Irvings neunter Roman. Zwei weitere „Die vierte Hand“ (2002) und „Bis ich dich finde“ (2006) sind seitdem erschienen.
Ted und Marion Cole führen eine schlechte Ehe, falls diese Bezeichnung für die Art ihres Zusammenlebens überhaupt verwendet werden kann. Seit dem schrecklichen Unfalltod der beiden Söhne leidet Marion an Depressionen. Bei ihrem Ehemann, einem unersättlichen Schürzenjäger, findet sie keine Wärme und Geborgenheit. Deshalb schafft sie es nicht, über ihr traumatisches Erlebnis hinwegzukommen, und verlässt Ted und ihre vierjährige Tochter Ruth.
32 Jahre vergehen und Ruth avanciert zur bekannten Belletristikautorin. Ihr erster Roman liegt übersetzt in fünfundzwanzig Sprachen vor, ihr dritter ist soeben erschienen.Im Privatleben der Schriftstellerin sieht es nicht annähernd so glanzvoll aus. Ruths Beziehungen zu Männern entbehren inniger Gefühle. Ihre engste Vertraute, Hannah Grant, ist in mancherlei Hinsicht das genaue Gegenteil Ruths, so dass die Freundschaft der beiden Frauen weit mehr durch Konflikt und Auseinandersetzung gekennzeichnet ist als durch Harmonie.
Parallel zur Geschichte der Erfolgsautorin erzählt Irving aus dem Leben von Edward O`Hare. Als Jugendlicher tritt er einen Ferienjob im Hause der Familie Cole an, verliebt sich unbeschreiblich in Ruths Mutter und unterhält bis zu deren Verschwinden eine atemberaubende sexuelle Beziehung zu ihr. Obwohl nur von wenigen Wochen Dauer prägt diese Affäre Eddies ganzes Leben: Er fühlt sich nur von älteren Damen angezogen, im Grunde lebt er Jahrzehnte nur von der Hoffnung auf Marions Rückkehr. Erst im letzten Teil des Romans gönnt Irving seinen Protagonisten Aussichten auf ein bescheidenes Glück: Ruth heiratet nach dem Tod ihres ersten Mannes einen frühpensionierten Polizisten, und bei Eddi taucht nach 34 Jahren seine einstige Liebhaberin Marion wieder auf.
„Witwe für ein Jahr“ ist eine meisterlich gebaute Erzählung, verfasst in einem Stil, der die Lektüre der über 750 Seiten zu einer kurzweiligen, amüsanten Beschäftigung macht. Irving bietet dabei mehr als fesselnde Handlung, die aus einem Gesellschaftroman bisweilen einen Krimi im Prostituiertenmilieu Amsterdams macht; er bietet etliche facettenreiche Charaktere und eine problematische und spannungsgeladene Vater-Tochter-Beziehung.Darüber hinaus präsentiert der Autor permanent und dennoch unaufdringlich die Erörterung literaturtheoretischer Fragen sowie eine Darstellung des Literaturbetriebes: die Entstehung eines Romans, die Publikation, Promotion, Rezeption und Leserreaktion - kein Thema bleibt ausgespart.
Es lohnt sich, diesen schon etwas älteren Irving zu lesen. Die Ideen scheinen diesem Autor nie auszugehen. „Witwe für ein Jahr“ ist einer der Romane Irvings, die ich am meisten schätze, obwohl die Entscheidung bei diesem Autor wirklich schwer fällt.
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