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Christian von Ditfurth, Die Mauer steht am Rhein. Deutschland nach dem Sieg des Sozialismus. Köln 1999. 256 Seiten
Acht Jahre nach dem Zwei-plus-Vier Vertrag, in dem die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges Deutschland die volle Souveränität zurückgaben, und neun Jahre nach dem Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland erschien die politische Satire Ditfurths „Die Mauer steht am Rhein“, die der Frage nachgeht, wie wäre die jüngste deutsche Geschichte verlaufen, wenn die Wiedervereinigung unter anderen Vorzeichen stattgefunden, wenn in Deutschland der Sozialismus gesiegt hätte?
Was wäre gewesen, wenn Gorbatschow 1988 durch einen Putsch von Stalinisten die Macht in der UdSSR verloren hätte? Was hätten die neuen Machthaber im Kreml getan angesichts der desolaten ökonomischen Situation des Landes und der Befürchtung, dass das Sowjetreich möglicherweise zerfiele, weil es in den von Russen beherrschten Völkern zu Bürgerkriegen käme?
In Ditfurths Satire entscheidet sich die russische Führung für eine militärischen Konfrontation mit dem Westen und eine ausgeklügelte politische Strategie. Auf diese Weise gelingt es, Amerikanern, Engländern und Franzosen auf einer Viermächtekonferenz in Genf, die Zustimmung zu einer Vereinbarung abzuringen, die besagt : Die Bundesrepublik scheidet aus der NATO aus. Die westalliierten Truppen verlassen die BRD. Die Deutsche Demokratische Republik gibt ihre Mitgliedschaft im Warschauer Pakt auf. Die Russen dürfen 100000 Soldaten in Westdeutschland stationieren. Deutschland wird neutral. BRD und DDR bilden eine Föderation.
Im Anschluss an diese Konferenz wird 1990 die Demokratische Republik Deutschland (DRD) gegründet und in der Folgezeit arbeitet die SED in allen Bereichen daran, um aus der Föderation einen zentralistischen Einheitsstaat zu machen : Vertreter der Blockparteien kooperieren mit westdeutschen Parteien und bringen sie nach und nach auf ihre Linie; die SED strebt eine Vereinigung mit der SPD an; die Grünen werden als „antidemokratische Kraft“ verboten, weil sie angeblich einen gewalttätigen Umsturz der verfassungsmäßigen Ordnung anstreben. Isolierungslager werden eingerichtet, um alle Gegner der SED-Politik auszuschalten. Unzählige aufrechte Demokraten fliehen resigniert ins Ausland, vor allem in der Schweiz finden viele Prominente Exil.
In Schulen, am Arbeitsplatz, in allen privaten Lebensbereichen setzen sich die Vorstellungen der Kommunisten durch. Alle westlichen Geheimdienste werden dem Ministerium für Staatssicherheit unterstellt, Bundeswehr und Nationale Volksarmee zur Deutschen Volksarmee zusammengeschlossen. Innerhalb weniger Jahre entsteht ein System, das dem Einzelnen keine Freiheit mehr lässt, in dem die Angst regiert : „Psychologen und Soziologen sollen diese Zeit studieren, damit wir erfahren, in welchem Maß Angst Meinungen bildet ... Denn in allen Gesprächen führte die Angst Regie. Angst vor Spitzeln, vor Verhaftungen, vor Entlassung ... Sie war der wichtigste Verbündete der Machthaber ... Denunziation lohnte sich. Wer sich bei den Mächtigen anbiederte, konnte weit kommen“ (190).
Die politischen Veränderungen bleiben nicht ohne Wirkung auf die Ökonomie. Neben der Kapitalflucht verzeichnet die DRD eine Abwanderung von qualifizierten Arbeitskräften ins Ausland. Alle Importe verteuern sich enorm, so dass es bald zu hoher Inflation und Versorgungsengpässen bei Gütern des täglichen Bedarfs kommt. Teile der Bevölkerung machen ihrem Unmut in Demonstrationen und Streiks Luft. Die Herrschenden reagieren mit gesteigerter Repression: Jedes Aufbegehren und jeder Widerstand wird mit Gewalt niedergeschlagen, die Grenzkontrollen werden perfektioniert, Banken und Großbetriebe verstaatlicht.“Nach zehn Jahren ist die DRD weitgehend so, wie es die DDR immer war.“ (237)
Erzählt wird die Geschichte der DRD von einem Düsseldorfer Sportjournalisten, der wegen seiner Berichterstattung die Arbeit verliert und später mit Hilfe seines Bruders Willi, einem Kommunisten, nach Zürich emigriert. Eigenes Erleben, Beobachtung der Medienberichterstattung und Gespräche mit anderen „Republikflüchtlingen“ im Exil bilden die Grundlage seiner Darstellungen.
Literarische Stärken zeigt das Buch, wo der Erzähler eigene Erlebnissen schildert – am Arbeitsplatz, in seiner Hausgemeinschaft, bei Treffen mit einem befreundeten Ehepaar. Große Teile des Buches sind jedoch im Stil eines Berichtes oder einer Reportage verfasst, die einen Freund erzählender Literatur nicht begeistern wird. Auch die Ideen des Autors sind nicht sehr originell, im Grunde lässt er sich von einem historischen Ereignis aus dem Jahr 1952, der sog. Stalin-Note, inspirieren und erzählt dann – mit wenigen eigenen Einfällen modifiziert – einen Teil der Geschichte der DDR. Namen wie Axen, Honecker, Krenz, Vogel, Lambsdorff, Boenisch oder Karsten D. Voigt tauchen auf, eine kleine „lustige“ Story wird über sie erzählt, aber es bleiben blasse Figuren, selbst aus dem Erzähler wird kein interessanter Charakter. Allein die Schilderung dessen, wie etliche Prominente Westdeutschlands aus Befürwortern des kapitalistischen Systems zu engagierten Verfechtern eines autoritären Staatssozialismus werden, macht aus einem Buch noch keine Satire.
Ditfurth war in den siebziger Jahren exponiertes Mitglied des Marxistischen Studentenbundes Spartakus in Heidelberg; wegen seiner politischen Aktivitäten wurde er relegiert und durfte zur Belohnung in der DDR studieren. Mit Willi, dem Bruder des Erzählers, hat sich Ditfurth selbst zur Romanfigur gemacht.
An einer Stelle formuliert der Erzähler Fragen, die er seinem Bruder gerne stellen würde: Glaubst Du immer noch an die Überlegenheit des Sozialismus? Gibt es historische Gesetze, die dem Sozialismus zum Durchbruch verhelfen werden? Wie hoch darf der Preis für das große Ziel des Kommunismus sein?
Mit seinem Buch hat Ditfurth seine Antwort auf diese Fragen gegeben.
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