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Was darf Satire? / 19.5.2011
Das fragte sich am 27. Januar 1919 der knapp dreißigjährige Autor Ignaz Wrobel in einem Artikel im Berliner Tageblatt. Unter anderen stehen in diesem Text folgende Bemerkungen:
„Satire scheint eine durchaus negative Sache. Sie sagt: „Nein!“ Eine Satire, die zur Zeichnung einer Kriegsanleihe auffordert, ist keine.“
„Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.“
„Wenn ich die Folgen der Trunksucht aufzeigen will, also dieses Laster bekämpfe, so kann ich das nicht mit frommen Bibelsprüchen, sondern ich werde es am wirksamsten durch die packende Darstellung eines Mannes tun, der hoffnungslos betrunken ist. Ich hebe den Vorhang auf, der schonend über die Fäulnis gebreitet war, und sage: „Seht!“ – In Deutschland nennt man dergleichen ‚Krassheit‘. Aber Trunksucht ist ein böses Ding, sie schädigt das Volk, und nur schonungslose Wahrheit kann da helfen. Und so ist das damals mit dem Weberelend gewesen, und mit der Prostitution ist es noch heute so.“
„Es ist jedem unbenommen, einen Angriff für ungerechtfertigt und einen anderen für übertrieben zu halten, aber die Berechtigung eines ehrlichen Mannes, die Zeit zu peitschen, darf nicht mit dicken Worten zunichte gemacht werden.“
„Übertreibt die Satire? Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird…“
„Wir sollten nicht so kleinlich sein. Wir alle … haben Fehler und komische Seiten und kleine und große Schwächen. Und wir müssen nun nicht immer gleich aufbegehren wenn einer wirklich einmal einen guten Witz über uns reißt. Boshaft kann er sein, aber ehrlich soll er sein.“
„Die echte Satire ist blutreinigend: und wer gesundes Blut hat, der hat auch einen reinen Teint.“
Da der Vorstand der Sparkasse Ulm samt Pressereferent durch die Planungsarbeiten am Neubau, der die ganze Innenstadt enorm aufwerten wird (Vorsicht Ironie!), zu beschäftigt ist, um sich mit Literatur oder literaturtheoretischen Schriften zu beschäftigen, haben wir ihm hier die wichtigsten Thesen zu Wesen und Aufgabe der Satire zusammengefasst, um zukünftigen Missverständnissen vorzubeugen.
Der Text wurde übrigens unter einem Pseudonym veröffentlicht. Der Autor heißt in Wirklichkeit Kurt Tucholsky.
Am Ende seines Betrages stellte dieser dann die Frage: „Was darf Satire?“ Seine Antwort mag den Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse Ulm Oster überraschen: „Alles“.
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