Sie sind hier: Volksvertreter & Betonklötze
Zurück zu: Volksvertreter
Allgemein:
Volksvertreter, Baubürgermeister und Betonklötze/ 26.5.2011
Jetzt mal ehrlich: Was erwarten Sie von Volksvertretern? Kontakt zum Bürger. Die Fähigkeit, einzelnes und übergeordnetes Interesse zu unterscheiden. Die Bereitschaft, wenn es sein muss, das Wohl des Einzelnen dem Wohl der Allgemeinheit unterzuordnen. Unbestechlichkeit. Rückgrat. Mut. Erwarten Sie das? Dann sind Sie hoffnungslos naiv und leben auf dem Mond.
Wie sich Volksvertreter tatsächlich verhalten, lässt sich dieser Tage wieder gut in der Donaustadt studieren. Im Bauausschuss des Gemeinderates wurde über den Neubau der Sparkasse gesprochen. Mit hässlichen, architektonisch einfallslosen Gebäuden von außerordentlicher Größe wird die Sparkasse Ulm einen Teil der Innenstadt in eine Betonwüste verwandeln. Eine große Bürokratie ohne jeden Kundenkontakt nimmt den Bürgern Teile ihres Stadtzentrums, verhindert andere Nutzungen, die nötig wären, um einer weiteren Verödung der Stadt am Abend und an Wochenenden Einhalt zu gebieten.
Was sagen die Volksvertreter im Gemeinderat zu diesem Projekt? Herr Herbert Dörfler (CDU) verhöhnt die Bürger. Er spricht von einer „Aufwertung“ der Stadt. Herr Rüdiger Reck (FWV) ist offener und direkter. Er preist am Neubau, dass dieser „sparsam und schlicht“ sei. Vieldeutig äußert sich der SPD-Rat Hartmut Pflüger, indem er die Betonklötze der Sparkasse als „etwas Mutiges“ bezeichnet. Ja, in der Tat, es ist mutig, den Bürgern so etwas vorzusetzen und zu erwarten, dass sie es fressen, ohne zu murren.
Den Vogel aber schießt Baubürgermeister Wetzig ab, der durch seine illegalen Finanztransaktionen mit seinem Münchener Freund Stephan Braunfels derart unter Druck zu stehen scheint, dass er alle ästhetischen Ansprüche über Bord wirft, um bei den Einflussreichen und Mächtigen in der Stadt nicht den Rückhalt zu verlieren. Beim Neubau gehe es nicht um gute Architektur (in seiner blumenreichen Sprache spricht Wetzig von einem spektakulären architektonischen Feuerwerk). Vielmehr sei die Nutzungsfrage entscheidend. Mit anderen Worten: Wie bekommt die Sparkasse mit möglichst wenig Geld ein möglichst zweckdienliches Gebäude hin, in dem 1100 Mitarbeiter untergebracht werden können?
Das ist neu in Ulm: Auch für das Stadtzentrum können Maßstäbe gelten, die sonst nur für Industriegebiete akzeptiert werden. Bisher wurde immer so getan, als sei für die Donauperle nur das architektonisch Beste gut genug.
Der berechtigte Anspruch der Ulmer Bürger, ihren Stadtkern nicht der Beschädigung oder Zerstörung durch private Bauprojekte auszuliefern, interessiert offensichtlich keinen der genannten Herren. Aber eine Dame interessierte sich dafür. Die Stadträtin der Grünen Annette Weinreich hätte es gerne gesehen, wenn die Bürger bei diesem überdimensionalen Projekt beteiligt und auch Wohnungen auf dem riesigen Gelände gebaut worden wären. Für diese Einwände hatte der Baubürgermeister jedoch kein Verständnis: Ums Wohnen gehe es bei diesem Projekt nicht und Demokratie werde durch das Verwaltungsverfahren ausreichend praktiziert.
Die Stadträte Dörfler und Reck sind beide ordentliche Mitglieder des Verwaltungsrates der Sparkasse Ulm. Von ihnen ein kritisches Wort zum Kasernenneubau der Sparkasse zu erwarten, wäre töricht. Warum der Sozialdemokrat Pflüger unfähig ist, Einzelinteresse vom allgemeinen Interesse zu unterscheiden, bleibt ein Geheimnis. Hat er etwa beim letzten Weltspartag von Herrn Oster ein Sparschweinchen geschenkt bekommen oder will er seinem Kollegen Nething (er plant den Neubau) nicht auf die Füße treten?