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Martin Rivoir u. die Totengedenktafel im Rathaus / 24.5.09
Was haben wir gelacht am Stammtisch, als die SPD-Fraktionsvorsitzende im Ulmer Gemeinderat Dorothee Kühne in einem Gespräch mit der Lokalzeitung sagte, die SPD habe sich den „Blick für die kleinen Leute“ bewahrt. Dabei beruhte alles nur auf einem Missverständnis. Wir dachten nämlich, Frau Kühne meine mit „kleinen Leuten“ sozial benachteiligte Menschen.
Erst der Einwurf einer Stammtischschwester ließ unser ausgelassenes Lachen verstummen: „Frau Kühne meint Liliputaner. Sie will kleinwüchsige Wähler ansprechen und Wählerschichten mit ausgeprägter Empathie gewinnen.“
Was der Satz auch immer aussagen mag, fest steht: Keine Partei, die jetzt für den Gemeinderat in Ulm kandidiert - außer der SPD - hat einen derart geschärften Blick dafür, wo die kleinen Leute der Schuh drückt. Bewiesen hat das der stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Ulmer Gemeinderat Martin Rivoir.
Seit zwei Jahrzehnten eilt Rivoir zu Sitzungen ins Rathaus, aber erst jüngst fiel sein Blick auf eine Gedenktafel, die an städtische Bedienstete erinnert, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind:
„Wir starben für Deutschlands Ehre und Größe“,
heißt es da, verlogen und pathetisch. Statt der Opfer des aggressiven und menschenverachtenden deutschen Nationalismus würdig zu gedenken, werden sie verhöhnt: Der Ehre und der Größe Deutschlands habe ihr Tod gedient! Das einfachste wäre, den Unsinn zu überpinseln. Etwas anspruchsvoller wäre anzumerken, dass Deutschland sich in seiner Verfassung nach zwei verbrecherischen Weltkriegen dazu verpflichtet hat, niemals wieder einen Angriffskrieg zu führen oder an einem teilzunehmen.
Zum Beispiel könnte da im Rathaus stehen:
Nach zwei Weltkriegen mit Millionen von Toten und als Nachfolger zweier deutscher Staaten, die ihre Bürger als Kanonenfutter missbrauchten verbietet Deutschland heute in Artikel 26 Grundgesetz das Führen eines Angriffskrieges.
Der genialste Vorschlag kommt aber von Herrn Rivoir. Er möchte neben der Gedenktafel einen Werbetext fürs Donaubüro anbringen, in dem es u.a. heißt:
„Heute dagegen trägt die Stadt Ulm aktiv zum Frieden und zur Einigung Europas bei.“
In diesem Rivoir‘schen Sinnspruch werden völkerverbindende und pazifistische Elemente ebenso deutlich wie bescheidene Zurückhaltung der Stadt Ulm. Das ist von kritischem Bewusstsein getragenes historisches Denken von kleinen Leuten für kleine Leute, wobei „kleine Leute“ hier eher im Sinne von “schlichte Geister”, „Kleingeister“ verwendet wird.
Abbildung: Wilhelm I. / Dt Kaiser u. König von Preußen -
Ein weiteres Denkmal, das auf Rivoirs Vorschlag hin in Kürze modernisiert wird: Anstelle Wilhelms kommt Ulms Kommissar für Völkerverständigung Peter Langer auf den Sockel.