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Gestattet, Dr. Blah-Blah, Kommerz-Blogger / 8.4.07
Hallo zusammen. Mein Pseudonym ist Dr. Blah-Blah und ich bin Kommerz-Blogger.
Wie? Sie wissen nicht, was das ist? Dann will ich es Ihnen mal erklären. Sie kennen durch Ihr Surfen im Internet den normalen Blogger. Er führt ein privates Online-Tagebuch, was ja schon ein Widerspruch in sich ist, da Privates nicht öffentlich sein kann. Aber lassen wir das. Ich bin oft zu anspruchsvoll, wenn ich den Sprachgebauch anderer beurteile. Der normale Blogger berichtet über oder erzählt von sich selbst, von seinen Erlebnissen und Stimmungen, von seinen Freunden und Haustieren.
So etwas wäre mir viel zu einfältig. Ich habe meine Zeit nicht zum Verschenken, ich muss Geld verdienen. Da traf es sich gut, dass einige große Verlage in Deutschland den blogg für ihre Zwecke entdeckten. Ein Berater der großen Verlagshäuser war auf die Idee gekommen, das Phänomen Blogg zu nutzen, um auf raffinierte Weise Werbung zu transportieren. Wie immer gab es schon Vorbilder in den USA, wo eine Bloggergemeinde in der Megacity NY der weltberühmten New York Times Konkurrenz macht.
So kam ich zu meinem Job als Werbeblogger. Von Haus aus bin ich Journalist und PR-Berater. Ja, da sitzt ich nun in meinem Büro hier in Ulm und gehe meiner Arbeit nach, einer Art Heimarbeit, allerdings für Gutverdienende. Ich stehe morgens zeitig auf (Morgenstund hat Gold ...), lese die örtliche Presse und die Kommentare des dummen Lokalchefs (er haut immer drauf wie ein Schmied und ist empfindlich wie ein Weib) sowie etliche überregionale Zeitungen. Nach Abschluss meiner Lektüre mache ich mich an die eigene Textproduktion, damit ich mein vertraglich vereinbartes Tagessoll erreiche. Dabei habe ich, was die Inhalte anbetrifft, in jeder Hinsicht freie Hand. Einzige Bedingung: die Texte müssen sich mit Themen befassen, die aktuell sind und besonderes Interesse in der öffentlichen Diskussion finden. Einen Tag vor meiner Arbeit erhalte ich immer eine Liste, auf der alle Produkte aufgeführt sind, für die geworben werden soll: Spiegel-Online, Focus-Online, das Buch jenes Verlages und so fort. In meinen Texten verweist dann einfach ein kleiner Link auf die Auftraggeber.
Ich bin wirklich ein freier Mann, wähle die Themen meiner Artikel selbst, kann für oder gegen etwas sein – völlig wurscht, Hauptsache ein gewisses sprachliches Niveau ist in meinen Texten erkennbar.
Die meisten sind viel zu dumm, um das Essenzielle zu kapieren. Sie sagen: Wie? Du machst Werbung, da muss du doch eine positive Einstellung zu dem Produkt in deinen Texten anklingen lassen oder noch mehr. Falsch! Völlig falsch! Die Einstellung ist egal, es ist nur wichtig, dass dieses Produkt immer wieder in die Schlagzeilen und damit in die Köpfe der Konsummten kommt. Damit sie es auch verstehen, gebe ich Ihnen ein Beispiel.
Ich erhalte den Auftrag, eine Theateraufführung, sagen wir in Stuttgart zu besprechen. Sie denken nun, der fährt hin, schaut sich alles an, macht sich Notizen und zu Hause geht die schwierige Arbeit los und er muss begründen, warum er die Aufführung gut findet. So kann man sich täuschen! Ich bleibe zu Hause, lese alles, was ich über die Aufführung auftreiben kann und schreibe dann eine Besprechung, in der ich vieles (nicht alles, ein differenziertes Urteil ist wichtig) an der Aufführung für schlecht erkläre. Über das Stück wird gesprochen, das Interesse ist geweckt, die Zahl der Theaterbesucher wird steigen. Und schon hab ich mein Geld verdient! So einfach ist das.
Weil ich in guter Stimmung bin, gebe ich Ihnen noch ein anderes Beispiel für Tricks in meiner beruflichen Tätigkeit: Ich verwende gezielt das Stilmittel der Provokation, nenne das Niveau der lokalen Diskussion „saumäßig“ oder spreche pauschal davon, dass viele zu kritischem Lesen nicht fähig seien. Da sollten Sie mal sehen, wie das wirkt. Alle wollen dazu etwas sagen; und ich habe mein Ziel, dass über meine Texte gesprochen wird, voll erreicht.
Nennen Sie mich ruhig einen Lohnschreiber, das läßt mich kalt, denn ich lebe sehr gut von meiner Arbeit.