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Albrecht Berblinger und die Narrenkappe / 20.10.09
Schaffnerbad
Fünf Lehrschwimmbäder gibt es in Ulm, in denen die jüngeren Schüler Schwimmunterricht erhalten; für die älteren sind Schwimmzeiten im SSV- und im Westbad reserviert. Nur diese Lehrschwimmbecken ermöglichen einen sinnvollen Schwimmunterricht. Würden die Grundschüler mit dem Bus zu einem großen Bad gebracht, entstünde neben einem Sicherheitsproblem ein zu großer Aufwand: Anfahrt, Umkleiden, Rückfahrt – von einer Doppelstunde bleiben etwa 30 bis 40 Minuten für den Unterricht.
Das Schaffnerbad – seit 1962 in Betrieb – ist eines dieser Lehrschwimmbäder, es soll nun geschlossen werden. 18.000 Euro Energiekosten entstehen dort jährlich, weil es in diesem Bad ein Leck gibt. Wie der Elternbeiratsvorsitzende Peter Kristen sagte, weiß die Stadtverwaltung seit zehn Jahren von dem Schaden. Gerhard Semmler, Leiter der Abteilung Bildung/Schule bei der Stadt Ulm gab im September in der Lokalzeitung bekannt, dass eine Sanierung des Bades 700.000 Euro kosten wird; angesichts dieser Kosten schlug er eine Schließung vor. Vor der Bekanntgabe dieser Pläne hatte die Verwaltung weder mit Lehrern noch mit Eltern gesprochen.
Nachdem Lehrer und Eltern öffentlich gegen die Schließungspläne Stellung bezogen hatten, fand Mitte Oktober eine Besichtigung des Schaffnerbades statt, an der auch Gemeinderäte teilnahmen. Die Vertreter von SPD und FWG äußerten sich nicht. Der CDU-Stadtrat Dr. Kienle schlug vor, das Bad unsaniert weiter zu nutzen. Gemeinderätin Schäfer-Oelmayer will das Schaffnerbad erhalten und in Kindergärten und unter Senioren für eine bessere Nutzung werben. Die Redakteurin der SWP Verena Schühly hatte sich bereits Anfang September eine Meinung gebildet, nachdem sie mit dem Vertreter der Stadtverwaltung – und wohl nur mit ihm – gesprochen hatte. „Sanierung wäre purer Luxus“ überschrieb sie am 7.9. ihren Kommentar, ganz im Sinne von Herrn Semmler.
Seit 1991 regiert Ivo Gönner als Oberbürgermeister in der Stadt Ulm. Wenn in einigen Jahren dessen Leistungen und Fehlleistungen bilanziert werden, wird auch die städtische „Bäderpolitik“ in den Mittelpunkt des Interesses rücken. In Gönners Amtszeit wurde das Freizeitbad Atlantis an den privaten Betreiber Stichler übergeben, dem man es 2007 mit Hilfe von Gerichten wieder abnehmen musste. Es befand sich in einem katastrophalen Zustand und muss für 10 Millionen Euro generalsaniert werden. 1998 wurde das beim Ulmer Rathaus gelegene Stadtbad geschlossen, das überwiegend von Schülern und älteren Mitbürgern genutzt wurde. Seit 2001 residiert dort die Musikschule der Stadt Ulm. Ersatz für dieses Bad gibt es bis heute nicht.
Bibliothek
Böfingen ist ein entlegener Ulmer Stadtteil, dessen öffentliche Bibliothek von vielen Kindern und Jugendlichen besucht wird, die aus schlecht situierten Familien stammen, etliche davon mit Migrationshintergrund. Welchen Beitrag eine gute Bücherei dabei leisten kann, kulturelles Interesse zu wecken, Sprachentwicklung zu fördern, junge Menschen in eine Gesellschaft zu integrieren, bedarf keiner Erklärung. In einem Leserbrief, der am 19.10. in der SWP erschien, schreibt eine Frau, die in Böfingen im Arbeitskreis ausländische Kinder tätig ist: Wir sind „froh, wenn unsere Grundschüler nach der Hausaufgabenbetreuung zur Bibliothek gehen, um dort durch Ausleihen von Büchern, durch Schmökern und Spielen … ihre Sprachkenntnis zu erweitern. Die Bibliothek ist eine Art Leseheimat, wo sie allein…sich zurechtfinden und auskennen.“
Diese Stadtteilbibliothek soll nun geschlossen werden. Das beschloss der städtische Kulturausschuss, der im Rahmen von Sparmaßnahmen im Kulturbereich (insgesamt 1,06 Millionen Euro bis 2012) auch von der Stadtbibliothek Einsparungen in Höhe von 130.000 Euro verlangt.
Vor ihrer Entscheidung hörten die Gemeinderäte weder Vertreter der Schulen und Kindergärten noch die Menschen des Wohngebietes, die die Bibliothek nutzen. Die SWP kommentiert die geplante Schließung nicht. Der Kulturredakteur Kanold ärgert sich in seinem Kommentar vom 2.10. lediglich darüber, dass die Musikschulgebühren angehoben werden.
Ulm rühmt sich gerne und oft, eine Stadt zu sein, die durch eine „Bildungsoffensive“ in besonderem Maße Bildung fördere. Eine genauere Betrachtung zeigt, was im Ulmer Rathaus unter „Bildungsoffensive“ verstanden wird: die Sanierung und der Neubau von Gebäuden, in denen Bildungseinrichtungen untergebracht sind.
Jugendberufsberaterin
Bereits im Juni 2009 fiel eine Entscheidung, die wie die geplante Schließung des Lehrschwimmbades und der Stadtteilbibliothek zu Lasten von Kindern und Jugendlichen geht. Die Ulmer Bürgermeisterin Mayer-Dölle schlägt dem Jugendhilfeausschuss vor, die Stelle einer Jugendberufsberaterin zu streichen. Mit sechs anderen Schulsozialarbeitern war es ihre Aufgabe, Jugendliche aus der Hauptschule bei der Ausbildungsplatzsuche zu beraten. Der Jugendhilfeausschuss stimmt zu, die Stelle der Frau zu streichen, die für die Caritas arbeitet. Die Stadt spart damit 42.000 Euro jährlich auf dem Rücken Jugendlicher, die benachteiligt sind und sich nicht wehren können. Darf sich eine solche Stadt „kinderfreundlich“ nennen? In ihrem Kommentar vom 29.6. kritisierte die Redakteurin Beate Rose diese Untat engagiert.
Berblinger und die Narrenkappe
Albrecht Berblinger (1770-1829) ist zu Recht ein berühmter Sohn Ulms, der als „Schneider von Ulm“ zur literarischen Gestalt wurde. Mit sechs Geschwistern aufgewachsen landete der Dreizehnjährige nach dem Tod des Vaters im Waisenhaus, erlernte den Schneiderberuf und wurde zum Erfinder und Flugpionier. Zeit Lebens verkannt starb er mit 59 Jahren im Ulmer Spital an Auszehrung. Eine von Berblingers Erfindungen war ein Hängegleiter, mit dem er im Mai 1811 in Anwesenheit des württembergischen Königs die Donau überqueren wollte. Der Versuch misslang wegen ungünstiger Thermik an der Adlerbastei, der geniale Mann wurde zum Gespött des einfältigen Pöbels.
Im Mai 2011 möchte die Stadt Ulm an Berblingers Flugversuch erinnern. Doch Bescheidenheit und Augenmaß sind im Ulmer Rathaus unbekannt. Dort haben Vermarkter und Marketingstrategen das Sagen. Für 800.000 Euro soll auf dem Heeresflughafen bei Laupheim ein Spektakel inszeniert werden, um die Welt auf die Donaumetropole Ulm aufmerksam zu machen: ein Flugwettbewerb mit „innovativem, umweltfreundlichen und zukunftsträchtigem Fluggerät“.
Albrecht Berblinger, der Prothesen für Bein- und Fussamputierte konstruierte und mit Ideen der Jakobiner sympathisierte, würde sich im Grabe drehen, wenn er erführe, dass nur elf Ulmer Gemeinderäte (alle Grünen, der eine Linke, einige Räte der CDU) gegen diese Verschwendung und Protzerei gestimmt haben. 27 Narren stellten unter Beweis, dass ihnen kritisches Denken und verantwortliches Handeln fremd sind. Zu ihnen gesellte sich der Journalist Thierer, der am 16.10.2009 in der SWP titelte: „Ulm lässt sich seinen Berblinger etwas kosten“.
Als Kopfbedeckung für alle Räte, die dem Laupheimer Flugspektakel und damit der Vergeudung von 800.000 Euro zugestimmt haben, schlagen wir vom DF-Stammtisch eine schmucke und preiswerte Narrenkappe vor. Sie könnte bei offiziellen Anlässe (Schwörmontag z.B.) getragen werden. Vielleicht ließe sich über das Ulmer Rathaus sogar eine preiswerte Sammelbestellung organisieren.