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Die Werbekampagne / 9.4.10
Ulms Oberbürgermeister ist ein findiger Mensch. Seit Monaten sucht er nach einem Ausweg aus der städtischen Finanzkrise. In seiner Rolle als Präsident des Städtetages von Baden-Württemberg schlug er die Erhöhung der Mehrwertsteuer von 19 auf 21 Prozent vor. Die Mehreinnahmen von 16 Milliarden Euro sollen den Kommunen zufließen.
Der Widerstand gegen Gönners Vorschlag ist beachtlich: Sowohl der Ulmer SPD-Landtagsabgeordnete Martin Rivoir als auch die Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis lehnten Gönners Vorschlag ab. Zu Recht, denn eine Erhöhung der Umsatzsteuer ginge vor allem zu Lasten ärmeren Menschen und wäre außerdem wirtschaftspolitisch kontraproduktiv, weil die Inlandsnachfrage dadurch gedämpft wird.
Gestern noch potenzieller SPD-Spitzenkandidat bei der Landtagswahl 2011, wird Gönner nun zu einer Person, mit der man sich als Sozialdemokrat besser nicht öffentlich sehen lässt, wenn man keine Wählerstimmen verlieren möchte.
Etliche Pläne wurden von Gönner und seinem Beraterkreis geprüft. Wie verschafft man Ulm in schwierigster Lage zusätzliche Einnahmen? Das Angebot an Firmen, private Gespräche mit dem Oberbürgermeister gegen Stundenhonorar zu führen (das sog. Jürgen-Rüttgers-Modell) wurde ebenso verworfen wie der komplette Verkauf des Ulmer Einsteinhauses als Gesamtkunstwerk (inklusive der Leiterin) an einen amerikanischen Kunstsammler.
Da kam der Zufall der Stadtspitze zu Hilfe: Das Ulmer Erotikgewerbe plant eine großangelegte Werbekampagne. Durch Anzeigen in den Printmedien, Clips im Fernsehen und im Internet soll überregional, ja landesweit dafür geworben werden, sich einen schönen Abend oder ein abwechslungsreiches Wochenende in der Erotikhauptstadt an der Donau zu machen. Dabei steht im Mittelpunkt der Werbekampagne, dass jeder Euro, der von Konsumenten hier ausgegeben wird, ein Beitrag zur Steigerung des Bruttoinlandsproduktes ist, an dem auch der Staat und die Stadt mitverdienen.
Die bisher angedachten Werbeslogans drangen bis in das Machtzentrum des Ulmer Rathauses: Für ein schnelles Wirtschaftswunder / Lassen wir die Hosen runter
Hilf und stütz die Konjunktur / Mach mit bei der Ulmer Erotiktour
Steigt die Zahl der Ulmer Freier / Gibt s bald mehr GewerbesteuerWie Sie vielleicht wissen, hat der Ulmer Oberbürgermeister bereits einige Erfahrungen als Mitwirkender in Werbeaktionen gesammelt.
Vor der letzten Gemeinderatswahl posierte das SPD-Mitglied mit jungen Kandidaten der CDU, um für deren Wahl zu werben. In einem Spot, der im Regionalfernsehen lief, zog sich der Herr danach grüne Turnschuhe an und plädierte für Ökostrom der Stadtwerke Ulm, die ihre Kunden seit Jahren mit Energie zu völlig überzogenen Preisen versorgen. Neuerdings wirbt er mit aufgekrempelten Hemdsärmeln in der Werbebroschüre der Ulmer Firma Uzin für eine bestimmte Weise des Verlegens, Versiegelns und Reinigens von Fussböden.
Warum also sollte Oberbürgermeister Gönner nicht an der Werbeaktion des Erotikgewerbes teilnehmen, wenn das der Stadt zugute kommt? Als Slogan, der sich gezielt an die Ulmer Männer richtet, schlagen wir vom Stammtisch vor:
Der Ivo trinkt im Venustempel / Abends manchen Rotweinbembel
Abbildung: Erotikgewerbe und Stadtfinanzen -
Abbildung: vh ulm als Gesamtkunstwerk -