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Allgemein:
Milan Kundera, Das Leben ist anderswo. München 2000. 340 Seiten
Milan Kundera konnte wegen seines politische Engagements in der Tschechoslowakei nicht mehr publizieren, 1970 schlossen ihn die Kommunisten aus der Partei aus. Auf diese Weise kaltgestellt, musste der Schriftsteller erstmals keine Rücksichten mehr auf die politischen Verhältnisse nehmen.
Sein Roman „Das Leben ist anderswo“ erschien 1973 in Paris und bietet neben der lesenswerten Lebensgeschichte eines jungen Mannes ganz nebenbei und unaufdringlich zweierlei : eine ästhetische Theorie, die sich mit der Lyrik befasst, sowie eine glaubwürdige Auseinandersetzung des Autors mit seiner kommunistischen Vergangenheit.
Jaromil wird um das Jahr 1930 in Prag geboren. Die Ehe der Eltern ist unglücklich; der Vater lässt sich nur materieller Vorteile wegen auf eine Ehe ein; die Mutter leidet in den ersten Ehejahren unter Depressionen . So suchen beide Eltern Zuflucht in einer außerehelichen Beziehung. Den Vater kostet die Liebe zu einer Jüdin das Leben. Die Mutter hat eine Liaison mit einem exaltierten Maler, die sie allerdings bald beendet, um sich fortan ausschließlich der Aufgabe zu widmen, ihren Sohn zu umsorgen und zu fördern.
Jaromil ist ein begabtes Kind, intelligent und kreativ. So trägt die intensive Zuwendung der Mutter zwar zur Entfaltung der künstlerischen Anlagen des Sohnes bei, führt aber zu einer Abhängigkeit, die den charakterlichen Reifungsprozess Jaromils behindert. Der junge Mann macht das Abitur, immatrikuliert sich an der Universität in Prag für politische Wissenschaften, begeistert sich 1948 für die kommunistische Bewegung und wird an der Hochschule als Mitglied der kommunistischen Partei zu einem überaus eifrigen Aktivisten.
Seine große Leidenschaft ist die Poesie; mit seinen Gedichten macht er auf sich aufmerksam, mit Diskussionsbeiträgen über das Verhältnis zwischen moderner Kunst und sozialistischem Realismus verschafft er sich Gehör und Anerkennung im studentischen Milieu. Erste Gedichte werden in Zeitschriften und Zeitungen veröffentlicht, zusammen mit bereits arrivierten Dichtern nimmt er an seiner ersten öffentlichen Lesung teil; eine Jungfilmerin dreht einen Film über ihn.
Weit weniger erfolgreich als auf künstlerischem Gebiet ist Jaromil bei seinem Bemühen, Beziehungen zu Mädchen zu knüpfen. Kundera schildert in zahlreichen – zumeist humorvoll erzählten – Episoden die Erfahrungen des Jungen im Umgang mit dem anderen Geschlecht. Dabei zeigt er, wie aus dem schüchternen Knaben im Verlauf weniger Jahre ein junger Mann wird, der seine Freundin misshandelt und demütigt.
Die Mutter lässt ihn nicht los, und er kann die Mutter nicht loslassen – vielleicht liegt darin die Ursache, dass hinter der Fassade des erfolgreichen Dichters und Intellektuellen ein Kind steht, das unfähig ist, seine Gefühle zu kontrollieren. Dabei mangelt es Jaromil nicht an Einsicht : „Und dann wurde ihm bewusst, dass nicht er selbst es war, an den er hasserfüllt dachte. Er dachte an die Mutter... die ihm seine Wäsche zuteilte, vor der er die Turnhose heimlich anziehen und die Unterhose im Schreibtisch verstecken musste...die über jede seiner Socken und jedes seiner Hemden Bescheid wusste. Er dachte hasserfüllt an die Mutter, die ihn an einer langen, unsichtbaren, in den Hals schneidenden Leine festhielt.“ (266/267)
Auf der Suche nach Idealen und großen Ideen und auf der Suche nach sich selbst, fügt sich Jaromil einem politischen System der Unfreiheit und der Repression – ja, mehr noch : er tritt in dessen Dienst und wird zum niederträchtigen Denunzianten.
Den ursprünglichen Titel „Das lyrische Alter“ änderte Kundera in „Das Leben ist anderswo“, ein Satz von Rimbaud, der den Pariser Studenten 1968 als Parole diente. Dabei zielen beide Titel auf ein und denselben Kern : die Hauptperson Jaromil, der zur Poesie findet oder sich zu ihr flüchtet, weil er nur so fähig ist, die Realität zu ertragen, zu verarbeiten oder umzudeuten.
Kunderas Roman ist klar aufgebaut und stilistisch gelungen. Auch wenn der Autor als auktorialer Erzähler gelegentlich in einen etwas zu pathetischen Ton verfällt, wenn er seine Überlegungen zur Erzählperspektive und erzählten Zeit vorträgt, kann man das Buch jedem Leser empfehlen, der sich gerne von einer guten Erzählung fesseln lässt.