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Allgemein:
Martin Walser, Ein liebender Mann
Der greise Martin Walser schreibt einen Roman mit dem Titel „Ein liebender Mann“. Dieser handelt von der Liebe eines alten Mannes mit Namen Johann Wolfgang von Goethe zu der 19jährigen Ulrike von Levetzow. Der Altersunterschied zwischen den Liebenden beträgt 55 Jahre.
Nicht wenige Goetheverehrer werden sich bei manchen Szenen des Buches verwundert die Augen reiben. So z.B. als der von Liebeskummer und Eifersucht gepeinigte alte Mann nackt vor dem Spiegel steht: „Komisch genug, dass er sich diesem Nackten nahe fühlte. Am liebsten hätte er ihn gestreichelt...Aber da, zwischen den weich und nachgiebig werden wollenden Lenden, sein Geschlechtsteil, das ein Leben lang den Ehrgeiz hatte, das Ganze zu sein. Er hatte den machtlüsternen Ehrgeiz dieses Teils ein Leben lang zähmen müssen. Das war nicht immer gleich gut gelungen. Es gab Zeiten, da beherrschte dieser Ehrgeiz ihn mehr, als er zuzugeben wagte. Natürlich geweckt durch Frauen. Er sollte nur noch wünschen und tun, was dieses Teil wollte. Das war so bis auf den heutigen Tag.“ (72/73).
Um der literarisch interessierten Öffentlichkeit etwas zu bieten, führt die Journalistin Petra Kollros ein Gespräch mit dem Autor über sein jüngstes Werk, dessen Erfolg auf dem Buchmarkt und seine Lesereisen. Sie ist – das weiß jeder, der das Feuilleton der SWP regelmäßig liest – eine große Verehrerin Walsers.
Mit Hochmut und Herablassung behandelt er die Journalistin im Gespräch, zeigt seine unangenehmste Seite, seine Einbildung scheint die des alten Goethe, wie er ihn zeichnet, noch zu übertreffen. Vielleicht kopiert er auch nur seine Romanfigur, die zu sich selbst sagt: „Du weißt es doch auch, die Frauen, dass man sie erobern muss. Dass sie besessen sein wollen. Dass man mit ihnen macht, was man will. Diese Auslieferung der Frau ist nicht eine Unterwerfung, ein Dienst dir zuliebe, das ist ihr der Genuss selbst.“ (80)
Ohne Widerspruch erduldet die brave Journalistin den Zorn des Literaturgottes Walser und legt hinterher auf einer ganzen Zeitungsseite Bericht ab von den Fehlurteilen, der Selbstüberschätzung und der Launenhaftigkeit eines alten Mannes.
Mich würde interessieren, wer diesen nach Bestsellerlisten so überaus erfolgreichen Roman liest. Sind das ältere Damen, die sich am Abend auf ihrem Kanapee bei einem Glas Likör und ein paar exzellenten Pralinés daran erinnern möchten, wie Liebe sich früher einmal angefühlt haben könnte?
Ich musste nach der Lektüre des Werkes sofort zu einem Buch von John Irving greifen, um wieder zu erleben, wie mitreißend und fesselnd Literatur sein kann.