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Martin Mosebach, Das Beben (2005)

Der Ich-Erzähler in Martin Mosebachs Roman „Das Beben“ (412 S., Tb 10.-) ist Architekt. Während seines Studiums träumte er davon, große Fantasiestädte nach einem stimmigen Gesamtplan zu bauen, in seiner beruflichen Praxis berechnete er dagegen jahrelang Tiefgaragen und Aufzugsschächte; doch nun hat er es geschafft und ist nach eigenem Bekunden ausschließlich mit den „schönheitlichen Aspekten des wohlhabenden Lebens befasst“, er plant Luxushotels.

Bei einem geschäftlichen Besuch des einflussreichen und mächtigen Herrn Gran, dem Seniorpartner eines Architekturbüros, lernt er dessen Tochter Manon kennen. Sie ist eine wunderschöne Frau, ihrer Anziehungskraft kann sich kaum ein Mann entziehen. Manon lebt in einer komplizierten Beziehung mit einem wesentlich älteren Herrn, einem berühmten Maler. Aus Enttäuschung und Wut über diese Beziehung beginnt sie ein Verhältnis mit dem Ich-Erzähler, der von der Entwicklung völlig überrascht und überwältigt scheint.

Die Beziehung währt schon einige Zeit, da entdeckt der Architekt durch Zufall, dass Manon ihn hintergeht. Offensichtlich hat das Verhältnis zu Manon sein Urteilsvermögen doch arg beeinträchtigt. Bei nüchtener Betrachtung Manons hätte ihn seine Entdeckung gewiss nicht überrascht. Er packt seine Koffer und reist Hals über Kopf nach Indien, um dort in der kleinen Provinz Sanchor am Hof eines (ehemaligen) Königs die Möglichkeiten zum Umbau des Palastes in ein Luxushotel abzuschätzen. Manon bringt seinen Aufenthaltsort in Erfahrung und reist ebenfalls in die Provinz Sanchor...

Der Roman beginnt vielversprechend. Mit dem Porträt von Manons Geliebtem, dem Maler, den alle nur „Meister“ nennen und der unverkennbar eine Karikatur von Friedensreich Hundertwasser ist, sowie dem Abschnitt über Manons Friseur, der auffällige Ähnlichkeiten mit dem Berliner „Haarstylisten“ Udo Walz hat, gelingen Mosebach zwei unterhaltsame und sehr lesenswerte Kapitel voller Ironie.
Leider geht die schwungvolle Erzählung nach etwas über hundert Seiten in eine Beschreibung über, die - sprachlich zweifellos gekonnt und meist bildhaft – in ihrer Ereignislosigkeit den Leser unendlich langweilt. Seiten über Seiten füllt der Autor mit Details über die Architektur des Palastes, über Räume und Mobiliar, über den König und seine Berater, die Dienerschaft und die Verwandten, die Geschichte des Herrscherhauses – und es wird einem von Seite zu Seite klarer, dass der von Mosebach gewählte Stoff im Grunde nur gereicht hätte, um eine Novelle zu erzählen.

Auch die Personen bleiben schemenhaft und oberflächlich, ganz so, als stünde in der Literatur die Darstellung von seelischen Tiefen und Abgründen erst noch bevor.

Von dem Roman eines deutschen Autor, der dieses Jahr mit dem Georg Büchner Preis ausgezeichnet wurde, dürfte ein Leser zu Recht mehr erwarten.