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Ian McEwan, Amsterdam (1999)

Ian McEwans Roman „Amsterdam“ (212 Seiten, Tb 8,90 €) handelt von Vernon Halliday, dem Chefredakteur der in London erscheinenden Tageszeitung „Judge“, und von Clive Linley, einem Komponisten und langjährigen Freund Vernons.

Die Restaurantkritikerin und Fotografin Molly Lane ist gestorben. Vernon und Clive hatten früher ein Verhältnis mit der Verstorbenen. Die Trauerfeier gibt den beiden Gelegenheit, sich über die Leiden der einstigen Geliebten Gedanken zu machen. Sie war durch eine schwere Krankheit in den besten Jahren sehr schnell zum Pflegefall geworden und hatte hilflos und in geistiger Umnachtung
den Tod erwartet, ihrem krankhaft eifersüchtigen und besitzergreifenden Ehemann George ausgeliefert, der sie von der Welt abschirmte. Ein solches Schicksal wollen sich die Freunde ersparen. Clive schlägt Vernon deshalb vor : „Mal angenommen, ich würde wie Molly schwer erkranken, und es ginge mit mir bergab, und ich würde schreckliche Missgriffe tun...wirres Zeug reden, nicht mehr wissen, wie die Dinge heißen oder wer ich bin, etwas in der Art. Ich würde gern wissen, dass es jemanden gibt, der mir beistehen würde, um der Sache ein Ende zu bereiten...“ (62). Die beiden schließen einen Pakt, der die gegenseitige Verpflichtung zur Sterbehilfe beinhaltet.

Clive arbeitet an einem Auftrag, er soll eine Sinfonie zur Jahrtausendwende komponieren. Der Künstler ist sehr ehrgeizig und möchte mit dieser Komposition sein Lebenswerk krönen. Die Arbeit an der Sinfonie ist ins Stocken geraten; um wieder Inspiration und Schaffenskraft zu erhalten, fährt Clive aufs Land zum Wandern und Klettern. Auf einer Tour durch einsames Gelände wird er Zeuge eines Vorfalles : ein Mann streitet mit einer Frau und tut ihr Gewalt an. Clive entscheidet nach kurzem Überlegen, nicht in den Streit einzugreifen, um seine Inspiration nicht zu gefährden. Später stellt sich heraus, dass Clive einen Frauenschänder beobachtet hat, der seit langem gesucht wird. Vernon, dem er die Geschichte erzählt, drängt darauf, zur Polizei zu gehen und zur Ergreifung und Identifizierung des Täters beizutragen. Clive lehnt ab: er will keine Störung seiner äußerst schwierigen Kompositionsarbeit; der Abgabetermin steht kurz bevor.

Als Chefredakteur sieht sich Vernon der Aufgabe gegenüber, den „Judge“ aus einer wirtschaftlichen Krise herauszuführen. Dabei leisten ihm viele Redakteure Widerstand, die gegen die von Vernon favorisierte Wende zum Boulevardejournalismus sind. Vernon werden Fotografien übergeben, die den englischen Außenminister in äußerst peinlichen Posen zeigen und seine Neigung zur Transvestismus belegen. Mit einer Veröffentlichung dieser kompromittierenden Fotos könnte Vernon drei Fliegen mit einer Klappe schlagen : den erzkonservativen heuchlerischen Minister Julian Garmony zu Fall bringen, die Auflagenzahlen der Zeitung enorm steigern und seine Kritiker kaltstellen. Clive verlangt mit Nachdruck von Vernon, auf eine Veröffentlichung zu verzichten. Für ihn, der die politische Einstellung des Ministers ebenfalls nicht teilt und auch persönlich schlechte Erfahrungen mit diesem gemacht hat, genießt die Privatsphäre absoluten Schutz.

Ihr Ehrgeiz, der berufliche Druck und einige Missverständnisse bleiben nicht ohne Auswirkungen auf die Freundschaft der beiden Männer. In Amsterdam, wo Clive mit einem Orchester für die Welturaufführung seiner Sinfonie probt und wohin auch Vernon gereist ist, kommt es zu Ereignissen, die den Leser überraschen und verblüffen

Spätestens seit seinem auch in Deutschland überaus erfolgreichen Roman „Saturday“ (2005) wissen viele, dass der englische Schriftsteller Ian McEwan einer der größten Stilisten der Gegenwartsliteratur ist. Egal, ob er Personen beschreibt oder Ereignisse darstellt, über Entstehung und Struktur eines musikalischen Werkes schreibt oder über die Abläufe einer Redaktionskonferenz berichtet - es geschieht in meisterhafter, eleganter, anschaulicher Art und Weise. Amsterdam ist ein engagierter und fesselnder Roman.