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Bohumil Hrabal, Ich dachte an die goldenen Zeiten. (1999)

Vor zehn Jahren starb der tschechische Schriftsteller Bohumil Hrabal an den Folgen eines Sturzes aus dem Fester einer Prager Klinik. Bis heute ist umstritten, ob es sich um einen Unglücksfall oder einen Freitod handelte.Unbestritten ist, dass Hrabal zu den bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts zählt, der von seinen böhmischen Landsleuten bis heute verehrt und geliebt wird. Er war ein Meister des Grotesken und des Komischen, der die Schriftstellerei erst spät zu seinem Beruf gemacht hat.

„Ich dachte an die goldenen Zeiten“ erschien erstmals 1988 in Kanada und ist der dritte Teil von Hrabals Autobiografie „Hochzeiten im Hause“. Hrabal lässt seine Ehefrau Eliska erzählen; die Handlung beschränkt sich auf die Dekade zwischen 1964 (dem literarischen Durchbruch) und 1974 (dem 60.Geburtstag des Schriftstellers).

Hrabal wartet ungeduldig auf die Veröffentlichung seines Prosabandes „Perlchen auf dem Grund“. Eliska, die sich um ihren Ehemann (um ihr „Kleinod“) sorgt, sucht kurzerhand den Verlagsleiter auf und überredet ihn zu raschem Handeln, indem sie ihm in wenigen Worten den bedenklichen Zustand ihres Gatten schildert: „...er säuft nicht mehr, und hat nicht mal mehr die Kraft, sich unter einen Zug zu werfen...“ Mit dem Erscheinen ändert sich Hrabals Leben. Er wird bekannt, erhält Einladungen zu Lesungen und Signierstunden, nimmt als Mitglied von Delegationen an zahlreichen Auslandsreisen teil und er verdient erstmals viel Geld, das er in ein Netz gestopft in Prag mit sich herumträgt. Hrabal ist ein Mann, der von großen Selbstzweifeln und Minderwertigkeitsgefühlen geplagt wird. Seine Erzählerin schreibt : „... bisher konnte sich mein Mann nur in Libener Kneipen natürlich aufführen. Kaum betraten wir irgendein Restaurant, kaum waren wir in einer Gesellschaft gut gekleideter Leute, die sich benehmen konnten, zu essen und Konversation zu führen wussten, da wurde mein Mann blass und vollbrachte lauter Fehlleistungen, er lief rot an, stotterte und kam erst wieder zu sich, als wir im Freien waren...“ Der Erfolg ist Balsam für seine Seele : „ aus heiterem Himmel hob er mitten in der Menschenmenge die Hände und schrie ... Du bist ein Prachtkerl! Du hast es geschafft!“ Abend für Abend besucht er nun seine geliebten Bierkneipen, hält andere frei, genießt das Kneipengeschwätz, das Sichproduzieren der Betrunkenen und stellt die Geduld seiner Frau auf eine schwere Probe; Eliska denkt nun oft an die goldenen Zeiten, als ihr Mann noch als Altpapierpacker gearbeitet hat und wegen Geldmangels nicht in der Lage war, ein ausschweifendes Leben zu führen.

Der Dichter kauft sich in Kersko ein kleines Haus; nun wohnt er abwechselnd dort und in seiner primitiven Altbauwohnung im Prager Stadtteil Liben. Auf dem Land lernt der Leser die andere Seite des Schriftstellers kennen : er ist stundenlang im Wald unterwegs, liebt Blumen und Bäume, knüpft Kontakte zu allen Nachbarn, kennt weit und breit alle Wirtshäuser und ist dort ein von allen geschätzter Gast. Einige Abschnitte des Romans schildern ausführlich Hrabals Beziehung zu seinem Kater Etan, der in seinem Leben die Rolle eines Kindes spielt. Eliska urteilt nüchtern über das Verhalten ihres Mannes in Kersko : „mein Mann war ein halber Bauer“.

Die großen politischen Ereignisse jener Jahre bleiben nicht ohne Einfluss auf Hrabals Leben. Er ist ein unpolitischer Mensch mit einer starken Neigung zum Opportunismus. Dennoch wird er bereits vor der russischen Okkupation zum Verhör auf ein Polizeirevier vorgeladen; der Beamte wirft ihm vor, einem „Landesverräter“ geholfen zu haben. Als im August 1968 russische Panzer in Prag stehen, gehen Hrabal und Heinrich Böll, mit dem er zum ersten Mal zusammengetroffen ist, durch die Straßen. Er darf in den folgenden Jahren nicht mehr publizieren, seine Bücher werden aus dem Verkehr gezogen. Da Künstler und Intellektuelle den orthodoxen Kommunisten als Unterstützer des gewaltsam beendeten Reformprozesses gelten, sind sie Repressionen ausgesetzt. Hrabal hat Angst und zieht sich aufs Land zurück. Anlässlich seines 60. Geburtstages versammeln sich etliche oppositionelle Künstler, Intellektuelle und Politiker in einem Gasthaus in Kersko, darunter der ehemalige Premierminister Smrkovsky. Sie haben ein Transparent entrollt, auf dem steht : „Hoch lebe Bohumil Hrabal, Böhmens berühmter Barde.“ Mitten im Fest fahren Autos vor, Polizisten in Ledermänteln stürmen das Lokal und führen Ausweiskontrollen durch. Das Transparent wird als Beweismittel beschlagnahmt.

Hrabals Unmäßigkeit beim Trinken und beim Essen bleiben nicht folgenlos. Er erleidet eine Gallenkolik und sein Gesundheitszustand ist jahrelang schlecht .Wegen einer Gelbsucht muss er sich für mehrere Wochen in ein Krankenhaus begeben, schließlich wird ihm die Gallenblase entfernt. Meisterlich erzählt das Buch von den Nöten,Ängsten und Erfahrungen eines Patienten, der es selbst nach einer schweren Operation nicht schafft, dem Alkohol zu entsagen.

„Ich dachte an die goldenen Zeiten“ ist aus vielen Gründen ein lesenswertes Werk. Mich beeindruckte vor allem die große Ehrlichkeit, mit der hier einer von seinem Leben erzählt, ohne schönzufärben, ohne Unrühmliches auszulassen, ohne sich selbst immer wieder auf die Schulter zu klopfen. Wieviel Eitelkeit muss ein Dichter überwinden, damit er so tiefe Einblicke in seine Psyche gewähren kann? Faszinierend finde ich auch die Erzählperspektive : die eigene Lebensgeschichte von der Lebenspartnerin erzählen und in Gesprächen immer wieder die eigene Mutter zu Wort kommen zu lassen ist ein einfacher, aber wunderbarer Einfall, der eine Reihe von Möglichkeiten eröffnet.

Bohumil Hrabal, Ich dachte an die goldenen Zeiten. Frankfurt 1999. 220 Seiten. 5,90 €