Sie sind hier: Amelie Nothomb
Zurück zu: Rezensionen
Allgemein:
Amelie Nothomb, Reality-Show (2007)
Die Belgierin Amelie Nothomb ist gerade mal vierzig Jahre alt und hat schon einige Romane geschrieben, die in Frankreich zu Bestsellern wurden. Ihr neuester Roman erschien im März dieses Jahres in Deutschland; er ist ein dünnes Büchlein mit nur 170 Seiten und trägt den Titel „Reality-Show“.
Der Roman spielt in der Zukunft in einem nicht näher bezeichneten Land, von dem der Leser nur erfährt, dass dort unmenschliche Zustände herrschen. Ein Fernsehsender überträgt Tag für Tag live eine Sendung, die über ein Gefangenenlager berichtet, das in vielem an die Konzentrationslager der Nazis erinnert. Männer, Frauen und Kinder werden ohne Grund gefangengenommen und in diesem Lager interniert, sie leiden Hunger und magern ab, müssen Zwangsarbeit verrichten, werden von Aufsehern und Aufseherinnen gedemütigt und misshandelt und müssen täglich damit rechnen, vor einem Millionenpublikum an den Fernsehern grausam hingerichtet zu werden. Denn jeden Tag werden zwei Gefangene für die „Selektion“ ausgewählt, zunächst vom Wachpersonal des Lagers später vom Publikum per Fernbedienung.
Reality-Show erzählt die Geschichte einer Gefangenen, die gleich einer Kunstfigur aus einer Parabel mit gewaltlosen Mitteln versucht, ihren Mitgefangenen zu helfen und durch ihren Widerstand das grausame Spektakel zu beenden. Doch was sie auch unternimmt, es scheint immer die gegenteilige Wirkung hervorzurufen: die Einschaltquoten steigen, die Organisatoren reiben sich die Hände, die Ausstrahlung der Sendung ist nie gefährdet.
Nothomb analysiert zum Teil sehr scharfsinnig die Beziehungen der Menschen in einem solchen Vernichtungslager, die Skrupellosigkeit der Organisatoren und die Verlogenheit und Heuchelei des Millionenpublikums an den Fernsehgeräten, das ihrer Meinung nach die Hauptschuld dafür trägt, dass so etwas Unvorstellbares überhaupt möglich ist. Es erinnert bisweilen an ein Lehrstück von Brecht, wenn in den verschiedensten Szenen vorgeführt wird, wie die Umstände das Verhalten der Menschen formen.
Etwas naiv und operrettenhaft scheint mir auf den ersten Blick das Ende der Geschichte: Allein durch List und den Versuch, Würde und Stolz zu bewahren, und durch die Kraft der Liebe konnte in der Geschichte der Menschheit noch kein repressives und verbrecherisches System zum Einsturz gebracht werden. Aber vielleicht gibt es ja für die Hauptperson des Romans und das Ende eine ganz andere Lesart: Nothomb distanziert sich durch Ironie.
Gebundene Ausgabe: 169 Seiten. Verlag: Diogenes; Auflage: 1 (März 2007)