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Amelie Fried, Schuhhaus Pallas. Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte. 2008
Als die vierzehnjährige Amelie ihren Vater, den Kunstkritiker und Kunstsammler Kurt Fried, einmal mit Fragen nach seiner Rolle im Krieg überschüttete, verlor dieser nach einer Weile die Geduld und sagte zur wissbegierigen Tochter: „ Jetzt hörsch auf mit dem dumma Gschwätz, hasch ghört?“
Über dreißig Jahre stellte Amelie Fried keine Fragen mehr nach der Geschichte ihrer engsten Verwandten. Das änderte sich, als ihr Mann Ende 2004 entdeckte, dass Verwandte seiner Frau im März 1943 nach Ausschwitz deportiert und ermordet worden waren. „Was soll ich machen?“ fragte sich Amelie Fried. „Wegsehen oder hinsehen? So tun, als wäre nichts, oder herausfinden, ob da noch mehr ist?“ Sie machte sich auf die Spurensuche, recherchierte in Archiven, sprach mit Zeitzeugen. Was sie in drei Jahren erfahren und zusammengetragen hat liegt ab heute als Buch vor.
Seit 1914 ist das Ulmer Schuhhaus Pallas im Besitz vom Franz Fried, dem Großvater der Autorin. Er ist Jude und mit der „Arierin“ Martha (geb. Hoffmann) verheiratet. Das Geschäft floriert und wird zum zweitgrößten in der Stadt. Martha und Franz haben zwei Kinder, Kurt (geb.1906) und Anneliese (geb.1918). Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 beginnt für die Familie eine Leidenszeit. Die Nazis rufen zum Boykott des Schuhauses auf („Deutsche kauft nicht bei Juden“), die Scheiben werden über Jahre mit antisemitischen Parolen beschmiert, Ulmer Zeitungen weigern sich, Inserate der Frieds abzudrucken und der Ulmer Polizeipräsident und Nationalsozialist Wilhelm Dreher (1892-1969) nutzt jede Gelegenheit, um die Familie zu schikanieren. 1935 wird Franz Fried bei einem Besuch des Gasthauses Ratskeller von Nazis angepöbelt, beschimpft und vor dem Lokal zusammengeschlagen. Obwohl die Täter namentlich bekannt sind, stellt die Staatsanwaltschaft einige Monate später die Ermittlungen ein.
Auch die Kinder bekommen die faschistische Repression und die gesellschaftliche Stigmatisierung zu spüren. Die beste Schulfreundin muss sich von Anneliese Fried abwenden. Ihr älterer Bruder Kurt, der an der Volkshochschule Kurse gibt und für zwei Zeitungen schreibt, wird 1933 aus der „Reichsschrifttumskammer“ ausgeschlossen und erhält Publikationsverbot. So bleibt dem Kunst- und Kulturinteressierten, der in München als Gasthörer an der Universität Seminare in Germanistik, Archäologie und Theaterwissenschaften besuchte, nur die Möglichkeit, im elterlichen Geschäft zu arbeiten.
Der Vater wie auch der Sohn wehren sich auf ihre Weise gegen das Naziregime. Kurt Fried schließt sich einem Club von Menschen („Tapp-Club“) an, die eine systemkritische Einstellung haben, und versucht das Publikationsverbot zu unterlaufen. Franz Fried weigert sich in trotzigem Protest im Januar 1939 seine Kennkarte mit „Franz Israel Fried“ zu unterzeichnen. Er muss wegen „Ungebühr“ in das Untersuchungsgefängnis in der Griesbadgasse und kommt danach in das „Schutzhaftlager“ Welzheim, bei dem es sich in Wirklichkeit um ein KZ handelt. Im April wird er entlassen, kehrt aber nicht zu seiner Familie zurück.
Seit 1933 kämpft die Familie Fried verzweifelt darum, sich ihre Existenzgrundlage, das Schuhhaus Pallas, zu erhalten. Sie schreiben Briefe an Behörden, führen Prozesse, das Geschäft wird vom jüdischen Vater auf die „arische“ Mutter überschrieben. Als auch dies nicht hilft, wird eine Überschreibung auf den Sohn Kurt betrieben, der über seinen eigenen Schatten springt und durch eine opportunistische Haltung versucht positiv auf die Behörden Einfluss zu nehmen. Schließlich fasst die Familie in größter Verzweiflung einen Plan. Amelie Fried schreibt: „Irgendwann macht mein Vater meinem Großvater einen Vorschlag: Er solle sich doch von der Mutter scheiden lassen. Pro forma nur. Vielleicht lassen sie dann endlich das Geschäft in Ruhe...Dass mein Großvater durch diesen Schritt erst recht der Verfolgung preisgegeben wird, konnten oder wollten die Mitglieder der Familie damals offenbar nicht sehen ... Sicher ist ..., dass dieser Vorgang den endgültigen Bruch zwischen meinem Vater und meinem Großvater markiert und die beiden danach nie mehr ungezwungen miteinander umgehen konnten.“ (60/61)
Haben Sohn und Mutter im Bund hier den Vater verraten? War der einzige Weg, die Familie zu retten, der, ein Familienmitglied zu opfern? Uns Lesern steht kein Urteil zu. Wir stehen nur fassungslos vor einer Situation, wie wir sie aus klassischen Dramen kennen. Uns Lesern wird klar, wie barbarisch ein System ist, das Menschen in eine solche Lage bringt. Franz Fried wurde von seiner Frau geschieden und ging nach seiner KZ-Haft in Welzheim nach München.
Nach dem Ende des Krieges waren alle Frieds wieder in Ulm. Der unbeugsame Franz entging in München durch einen Zufall dem Abtransport und damit dem sicher Tod in einem Vernichtungslager. Ohne wieder zu heiraten lebte er in Ulm mit seiner geschiedenen Frau zusammen und führte das neu aufgebaute Schuhgeschäft. Sein Sohn Kurt war einer der Gründer der „Schwäbischen Donauzeitung“, der späteren Südwest Presse. Er konnte sich nun endlich dem widmen, was ihm wichtig war: der Kunst, der Kultur und dem Schreiben. In der Ulmer Gesellschaft trug er den Spitznamen „Kulturpapst“.
Die Ulmer Frieds hatten mehr Glück als viele ihrer Verwandten, die den Naziterror nicht überlebten. Auch von ihnen erzählt das Buch Amelie Frieds. Allerdings haben die schrecklichen Ereignisse alle Personen und Beziehungen der Ulmer Familie verändert.So klagt die Autorin über die Verschlossenheit ihres Vaters, über seine Unfähigkeit, Beziehungen einzugehen, sich anderen mitzuteilen und Glück zu empfinden. „Er (der Vater) hat über die traumatischen Erfahrungen seines Lebens geschwiegen, und ich musste ... mit den Auswirkungen dieses Traumas leben, ohne es zu kennen.“(144)
Amelie Frieds Buch enthält neben dem berichtenden Text Familienfotos, Briefe, amtlich Dokumente und Schreiben sowie Gedichte von Vater und Tochter. Ein Familienstammbaum, eine Zeittafel historischer Ereignisse, Quellenangaben und erläuternde Bemerkungen helfen dem Leser beim Verständnis der Geschichte. Mir war Amelie Fried bisher nur als Fernsehmoderatorin bekannt; ich wußte auch von ihren Kinderbüchern und anderen Büchern, die eher der Unterhaltungsliteratur zuzuordnen sind. „Schuhhaus Pallas“ war für mich eine lehrreiche und interessante Lektüre.