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Psychoambulanz im Ulmer Rathaus/ 22.11.08
Über ein einmaliges Modell in Deutschland berichtet die neueste Ausgabe der Zeitschrift „Psychologie heute“. Im Ulmer Rathaus wurde eine psychotherapeutische Ambulanz eingerichtet, deren Aufgabe darin besteht, Stadträten und den Spitzen der Verwaltung schnell und unkompliziert Hilfe durch Fachleute anzubieten, wenn sie diese wünschen. Finanziert wird die Psychotherapeutische Beratungsstelle aus Mitteln des Bundes, des Landes und der Stadt Ulm. Wie die Leiterin der Ambulanz Prof. Dr. Gerda Ackermann gegenüber der Zeitschrift erklärte, ist die Hilfe für Gemeinderäte und führende politische Akteure völlig kostenlos und anonym, so dass niemand um seinen Ruf fürchten muss, wenn er sich an die Ulmer Ambulanz wendet.
Die Idee einer Psychotherapeutischen Beratungsstelle für Kommunalpolitiker basiert auf einer vielbeachteten wissenschaftlichen Studie, die einen engen Zusammenhang zwischen neurotischem Verhalten von Kommunalpolitikern und falschen, ineffektiven und oft kostspieligen politischen Beschlüssen nachweist. Professor Ackermann fasst diesen Sachverhalt in folgende Worte: „ Fehlentscheidungen von Kommunalpolitikern sind häufig nicht die Folge unzureichender und falscher Information, sondern Ausdruck neurotischer Störungen. Ungelöste innere Konflikte, die zwanghafte Suche nach Beachtung, Minderwertigkeitsgefühle, gestörte emotionale Bindungen bei Stadträten und Verwaltungsbeamten führen sehr häufig zu falschen Entscheidungen mit verheerenden Konsequenzen.“ Sollte die Ulmer Therapie auch nur bei einem Teil der Hilfesuchenden Erfolge erzielen, könnte auf diese Weise der rationale Diskurs im Gemeinderat und seinen Ausschüssen gefördert und beachtliche Summen an Steuergeldern eingespart werden.
Im weiteren Gespräch mit der Zeitschrift schildert Prof. Dr. Ackermann einzelne Fälle, die zurzeit in Behandlung sind. „Regelmäßig sucht uns in der Psychoambulanz ein Gemeinderat auf, der sehr darunter leidet, von seinen Fraktionskollegen und Parteifreunden, von der Stadtverwaltung und den Medien nicht die Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erhalten, die ihm seiner Meinung nach gebührt. Je länger dieser Patient klagt, umso häufiger werden seine offenen und versteckten Hinweise auf die eigenen Fähigkeiten und Verdienste. Er spricht davon, in der Schule Latein, Griechisch und Hebräisch gelernt und mehr als 500 wissenschaftliche Fachaufsätze über die Kontaktlinse veröffentlich zu haben. Wirklich aufzublühen beginnt er aber, wenn er über seine Erfolge als Hobbyarchäologe spricht, wo es ihm nach eigenen Angaben gelungen ist, eine etruskische Höhleninschrift zu entziffern, die aus fünf Worten besteht und so viel bedeutet wie : Es war König Atli am Felsen. Demnächst würden alle Forschungsergebnisse, die er über diese geheimnisvolle Höhleninschrift gewonnen habe, in einem Buch veröffentlicht und eines sei gewiss: Die Geschichte Europas müsse neu geschrieben werden.“ Die Professorin hält diesen Fall für ein gutes Beispiel, wie allein durch aufmerksames Zuhören und bestätigendes Nicken geholfen werden könne. Viele Hilfesuchenden könnten mit einfachsten Mitteln von ihren Ängsten und Nöten befreit werden. Leider gebe es aber auch viel kompliziertere Fälle.
Hierzu rechnet Frau Dr. Ackermann einen Spitzenbeamten, der sich deshalb in Behandlung begeben hat, weil er Nacht für Nacht von demselben Alptraum heimgesucht wird. In diesem Traum tanzt der Beamte in einem riesigen Saal mit grauen Betonwänden ohne jede Möblierung mit einer wunderbar gebauten schwarzhaarigen Dame Tango. Je länger der Tanz dauert, umso mehr erfüllt den Beamten ein Gefühl der Ungezwungenheit, der Leichtigkeit. Tagsüber quälen ihn oft Zwänge, die ihm das Leben zur Hölle machen. Manchmal sind die Zwänge übermächtig und derart, dass er rastlos durch die Straßen der Stadt und über die Plätze hastet und in allen Cafés, an denen er vorbeikommt, die unbesetzten Stühle so zurechtrückt, dass sie in einem rechten Winkel zu den Tischen stehen. Der Tango mit der Schönheit erlöst ihn von seiner Qual; dieser erotischen Wirbel lässt ihn alle Last vergessen und doch mündet er stets in auswegloser Verzweiflung: Als die Schöne am Ende des Tanzes ihren Oberkörper entblößt, werden zwei verschieden große Brüste sichtbar, von denen eine etwas tiefer hängt als die andere. Bei diesem Anblick der Asymmetrie entfährt dem Spitzenbeamten ein gellender Leidensschrei, der nicht mehr endet will – und da erwacht er schweißgebadet in seinem Bett.
„Hier“, sagt Frau Dr. Ackermann in dem Gespräch mit „Psychologie heute“, „stoßen auch wir von der Ambulanz an unsere Grenzen. Da empfehlen wir dann eine Behandlung durch unseren Kollegen Professor Kächele von der Universität Ulm.
Wir vom Stammtisch halten diese Psychoambulanz im Rathaus Ulm für eine exzellente Idee, könnten uns aber langfristig vorstellen, dass auch wichtige Persönlichkeiten, die nicht dem Gemeinderat oder der Verwaltung angehören, kostenlosen Zugang zu der Einrichtung erhalten. Uns würden da auf Anhieb einige Personen einfallen. Hätten Sie da auch ein paar Vorschläge?