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Ulm – gesunde Stadt mit Reizklima / 24.8.2007

Als alter Lokalpatriot war ich Anfang der Woche überglücklich morgens in der Zeitung zu lesen, dass Ulm die gesündeste Stadt in ganz Deutschland ist und deswegen sogar einen Preis erhalten soll: einen Apfel aus Pozellan auf einem Teakholzsockel.

Die Freude über diese Nachricht war so groß, ich wollte und musste sie teilen und rief meine Tante Hedwig an, sie wohnt in der Karlstraße. „Warte mal“, sagte sie zu mir am Telefon, „ ich muss zuerst das Fenster schließen“, wenig später fuhr sie fort: „Jetzt können wir uns unterhalten. Bei dem Lärm von der Straße vesteht man sein eigenes Wort nicht und die Abgase bringen mich noch um.“ Ganz aus dem Häuschen legte ich los, erzählte von dem Zeitungsbericht und von der Begründung, warum Ulm zur gesündesten Stadt ernannt wurde: Viele Arbeitsplätze, viele Hausärzte, viele Theaterbesucher, viele Vereinsmitglieder. Als ich zu Ende gesprochen hatte, merkte ich sofort, dass der Funke der Begeisterung nicht übergesprungen war. Am anderen Ende der Telefonleitung herrschte zunächst Stille, dann hörte ich ein Räuspern: „Und was hat das alles mit der Gesundheit zu tun?“ krächzte Hedwig ins Telefon. Ich gab mir Mühe, alles zu erklären, soweit ich es selbst verstanden hatte, verwies mehrmals darauf, dass die Untersuchung von der Medizinischen Hochschule Hannover durchgeführt worden war. Alles zwecklos! Meine Tante ließ sich nicht überzeugen. Hedwig war eben seit dem Tod ihres Gatten etwas verbittert. So erklärte ich mir ihre kühle Zurückhaltung.

Ich rief Axel an. Er ist mein Cousin, wohnt am Ulmer Marktplatz, ist sehr kunstinteressiert und ein durch und durch moderner Mensch. „Hast du gelesen? Ulm ist die gesündeste Stadt Deutschlands?“ Axels Antwort beschränkte sich auf einen seltsamen Laut, dem ich keinen Sinn zuordnen konnte. Vielleicht war er nach einem anstrengenden Wochenende noch etwas müde. Nach kurzem Innehalten fuhr ich fort: „ Ist das nicht Klasse? Die gesündeste Stadt Deutschlands?“ „Was soll der Scheiß?“ brüllte Axel, „vor meiner Haustür machen Horden von Vergnügungssüchtigen das ganze Wochenende Rambozambo. Ich kann nicht mal nachts das Fenster von meinem Schlafzimmer öffnen. Und du erzählst mir was von der gesündesten Stadt. Willst du mich ärgern?“ Danach war die Verbindung unterbrochen und meine Enttäuschung groß. Freute sich denn niemand über die Lebensqualität in unserer Stadt?

Ich musste zur Arbeit, unsere Buchhandlung öffnet um 10 Uhr. Auf dem Weg zum Fahrradkeller traf ich Dr. Popper. Er begrüßte mich, lächelte freundlich und fragte: „Haben Sie s gelesen? Ulm ist die gesündeste Stadt Deutschlands.“ Ich war entzückt. Endlich einer, der meine Begeisterung teilt. Ohne meine Antwort abzuwarten, fuhr Dr. Popper fort: „Für mich als Mathematiker ist vor allem interessant zu sehen, wie die Kollegen von der Statistik mit ein paar Zahlen rumtricksen und alles beweisen, was sie beweisen wollen oder sollen.“ Ich blickte Dr. Popper verwirrt und fragend an. „Ich sehe schon“, sprach er weiter, „Sie glauben noch an die Statistik. Um Ihren Glauben etwas zu erschüttern, gebe ich Ihnen ein kleines Beispiel. Nehmen Sie an, Sie hätten ein Dorf mit 15 Einwohnern. 14 haben so wenig zum Leben, dass sie am Verhungern sind, einer dagegen besitzt 15 Millionen Euro. Rein statistisch gesehen, besteht das Dorf aus lauter Millionären.“ Die Lust zu reden war mir vergangen. Wir verabschiedeten uns.

Eine Stunde später trat ein Kunde in die Buchhandlung, in der ich arbeite. Als er freundlich fragte, ob er die Untersuchung der Medizinischen Hochschule Hannover zur Stadtgesundheit in Deutschland kaufen könne, verlor ich die Nerven. Ausser mir schob ich ihn zum Ausgang, bugsierte ihn durch die Tür ins Freie und brüllte ihm hinterher: „Für was halten Sie unsere Buchhandlung, mein Herr? Wir sind ein seriöses Geschäft!“