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Über den Heimatbegriff / 1.5.2008

An der Volkshochschule Ulm hielt Adelbert Schloz-Dürr am 29.4. 2008 einen Vortrag über den Heimatbegriff. Schloz-Dürr ist Pfarrer in der Pauluskirche und war während seines Studiums in Tübingen Schüler des Philosophen Bloch.

Im Gegensatz zu anderen deutschen Geistesgrößen, die während der Hitlerdiktatur im Exil lebten, versuchte Ernst Bloch , den durch die Nationalsozialisten missbrauchten und diskreditierten Begriff Heimat zu rehabilitieren.

Bloch ging es darum herauszufinden, welcher utopische Gehalt in dem Begriff steckt, und sein Potential für propagandistische Absichten abzuschätzen. Es ist bemerkenswert, dass Bloch sich für den Begriff Heimat interessiert, da dieser in der Diskussion unter Linken nie eine Rolle spielte. (Eine Ausnahme war in dieser Hinsicht auch Johannes R. Becher, der sich als linker Schriftsteller und Kulturminister der DDR (1954 bis 1958 ) ebenfalls mit dem Begriff Heimat auseinandersetzte.)

Blochs Herangehen an ein Thema ist nicht das eines Systemdenkers, Blochs Methode ist aphoristisch. Heimat steht für Bloch erst am Ende der Geschichte, sie ist das Ziel, auf die der dialektische historische Prozess zuläuft; Heimat ist eine Utopie.

Was in die Kindheit scheint, erst am Ende kommt, worin noch keiner war - das ist Heimat für Bloch. Und auf dem Weg dorthin, durchläuft auch das Individuum einen dialektischen Prozess: Ich bin, aber ich habe mich nicht, darum werden wir erst. Mit diesem Heimatbegriff verträgt sich die Hervorhebung und Anerkennung der Eigenarten regionaler Kulturen.



Ernst Bloch

„Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“ (Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt 1974, Seite 1628)

Ernst Bloch in der Auseinandersetzung mit Marx und Feuerbach

„Die vergesellschaftete Menschheit mit einer ihr vermittelten Natur ist der Umbau der Welt zur Heimat.“ (E.Bloch a.a.O., S. 334)



Georges Tabori zu „Heimat“

Der polyglotte Theatermacher Georges Tabori bezeichnete Heimat immer als den Ort, wo gerade „seine“ Bretter standen, die ihm die Welt bedeuteten. Exakter sagte der Weltbürger: „Ich bin grundsätzlich ein Fremdling. Erst hat mich das gestört, aber alle Theatermacher, die ich liebe, waren Fremde. Meine Heimat ist ein Bett und eine Bühne.“

Und etwas anders: "Ich habe keine Heimat, in jedem Sinn des Wortes Heimat, nicht einmal einen Ruheplatz, außer dem Theater."

In einem Interview zu seinem 90. Geburtstag hatte er so formuliert: „Vielleicht ist das Theater die einzige Heimat. Ich habe mich immer als Fremder gefühlt. Nicht als Ungar, nicht als Engländer, nicht als Amerikaner. 1969 bin ich nach Deutschland gekommen, fragen Sie mich nicht, wieso. Vermutlich, weil das deutsche Theater damals das beste Theater der Welt war. Und es ist wahrscheinlich heute noch das Beste!“

(Erinnert hat den Donaufisch-Stammtisch an den unlängst verstorbenen großen Theatermann Tabori Heinz Koch vom Augus-Theater Neu-Ulm)