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Hermann Bausinger über Heimat /3.5.2008

Der emeritierte Tübinger Kulturwissenschaftler Professor Bausinger hielt am 2.5.2008 im Ulmer Stadthaus einen Vortrag über den Heimatbegriff. Anlass waren die sog. Heimattage Baden-Württemberg, die dieses Jahr in Ulm stattfinden.

Es sei immer Ausdruck einer Krise, wenn über etwas intensiv diskutiert werde. Das gelte auch für die Heimattage. Gedenktagen, von denen es heute unzählige gebe, angefangen vom autofreien Sonntag über den Weltlachtag bis hin zum Muttertag, seien immer auch Tage des schlechten Gewissens. Angesichts von Heimattrachten, Heimatmusik, Heimatumzügen – Bausinger ergänzte die Aufzählung noch um viele ähnliche Begriffe – könne man gut verstehen, dass bei manchem Zeitgenossen Allergie und Fluchtinstinkte ausgelöst würden. Das werde auch nicht besser, wenn alte Begriffe wie „Heimat“ durch neue wie „Identität“ ersetzt würden. Er halte sich da an Karl Kraus und dessen Motto: Es ist besser mit alten Ausdrücken Neues zu sagen als mit neuen Altes.

In einem knappen historischen Überblick zeigt Bausinger auf, in welchen geschichtlichen Zusammenhängen der Begriff verwendet wurde bzw. Bedeutung erlangte. Ging es vor etwa 200 Jahren hauptsächlich um die Folgen, die das Verlassen einer gewohnten bäuerlichen Umgebung beim Menschen zeitigen können, also um „Heimweh“ (die Lebenswelt Heimat), entdeckte die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert die Natur und die Landschaft als Gegenwelt zu den entstehenden industriellen Strukturen. Dörfliche Gemeinschaften, die die Menschen beim Wechsel in die Industriezentren verlassen mussten, und agrarische Strukturen und Zusammenhänge wurden mit dem Begriff bezeichnet (Heimat als Kompensationsraum).
„Wurzelboden Heimat“ dagegen ist schon Ausdruck eines statischen und ideologischen Konzeptes von Heimat, auf dem beispielsweise Oswald Spengler und die Naziideologie von „Blut und Boden“ aufbauen. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges lässt sich feststellen, dass sich die gesellschaftliche Diskussion vom Heimatbegriff absetzt. Nach Bausingers Meinung trugen in der Folgezeit vor allem die Heimatvertriebenen mit ihren Erfahrungen dazu bei, dass über Heimat wieder gesprochen werden konnte.

Heute werde Heimat nicht mehr als eine Gegebenheit angesehen, sondern als eine Gestaltungsaufgabe. Aus einem positiven Heimatverständnis folge die Absicht, eine humanere Welt zu erreichen, sei es bei der Vermeidung überflüssiger Automatisierung, bei der menschenfreundlicheren Gestaltung bürokratischer Abläufe oder bei der Mitwirkung Betroffener, wenn z.B. potente Betriebe in einer Stadt angesiedelt werden.
Alt sehe die Heimat heute dagegen aus, wenn man sie in Relation zur Globalisierung betrachte. Die ganze Welt wiege schwerer als die nächste Umgebung. Deshalb höre man auch heute Sätze wie : Ich brauche keine Heimat, ich habe Freunde auf der ganzen Welt. Oder: Die Erde ist heute ein Planet der Nomaden. Oder: Stabile Koffer sind heute wichtiger als Heimat.

Andererseits neigten viele, v.a. auch Journalisten, dazu, globale Veränderungen und ihren Einfluss auf die nächste Lebensumwelt zu überschätzen. Auch moderne Kommunikationstechniken (Handys, Mails) kämen überwiegend im Nahbereich zu Einsatz; aus anderen Kulturen Importiertes (Döner) werde durch einen Prozess der Eingemeindung gar nicht mehr als Globalsierungsfolge empfunden. Ausserdem trete die nächste Umwelt als Kontrastprogramm zum Globalen in Erscheinung, was sich beispielsweise daran zeige, dass regionale Küche wieder an Bedeutung gewinne. Sogar in der Wirtschaft sei heute Konsens, dass die örtliche Einbindung für die Produktion und die Beschäftigten wichtig sei.

Bei der Reflexion über Heimat müsse auch die Perspektive der Zugewanderten Beachtung finden, da in einer offenen Gesellschaft diese Zuwanderung große Bedeutung habe. Für einen Zugewanderten gehe es nicht um „Verwurzelung“ oder „Einwurzelung“, sondern um Einleben an einem neuen Ort. Heimat sei heute keine pathetische Angelegenheit mehr, Ortsansässigkeit über Generationen hinweg (der Alteingesessene) verschaffe keine herausgehobene Stellung mehr, alle, die an einem Ort lebten, müssten einbezogen werden, Integration sei gefordert, so wie es Ulm mit dem Slogan „Unsere Stadt ist Heimat für alle“ zum Ausdruck bringe. Da viele heute eine zweite Heimat haben, bedeute Heimat v.a. Toleranz, Geltenlassen, wechselseitige Anerkennung und Vertrauen. Heimat sei ein Bezugssystem, das Halt gebe. „Heimat ist da, wohin die Rechnungen geschickt werden“ oder „Heimat ist, wo man anschreiben lassen kann“ drücke ein unpathetisches Heimatgefühl aus, das sich immer mehr durchsetze. Man könne Heimat aber auch so definieren, wie es der Ettlinger Harald Hurst getan habe : Heimat ist dort, wo man die Sprache so gut kennt, dass man beim Reden mit den Leuten schon merkt, dass man besser geschwiegen hätte.