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Gönners mystischer Ort oder : süßes Vergessen / 28.7.2007

Aus der Lokalzeitung erfuhr ich von der anderen Seite unseres Oberbürgermeisters, der stillen, häuslichen, staunte über den Familienmenschen, dem die Natur über alles geht und den es deshalb immer wieder in die Friedrichsau zieht, wo es ständig Neues zu entdecken gäbe. Ich war berührt. So kannte ich den Oberbürgermeister bisher nicht.

Da ich selbst zwanzig Jahre lang in Heidelberg studiert habe, interessierten mich die Plaudereien Gönners über seine Studienzeit in dieser kurpfälzischen Stadt ganz besonders. Einen „mystischen Ort“ habe der OB als Student im Philosophenweg hoch über den Ufern des Neckars entdeckt, sagte er, um dann wörtlich fortzufahren: „ Wenn ich mich dort aufhielt, hatte ich die besten Gedanken:“

Dieser Satz ließ mich zusammenzucken. War Gönner als junger Mann ein Sonderling? Oder ist es um das Gedächtnis des heute 55jährigen so schlecht bestellt? Welcher Student hätte in den 70er Jahren auf dem Philosophenweg einen Spaziergang gemacht? Der Philosophenweg wurde nur von japanischen und amerikanischen Touristen besucht. Gelegentlich von einer Studentin, die wegen enttäuschter Liebe der Depression verfallen auf den Spuren Hölderlins wandelte. Ab und an von einem Freak, der total stoned, nicht wusste, was er tat...Nein, nein : Ivo Gönner saß wie die meisten gesunden Studenten viel lieber an einem anderen mystischen Ort zwischen Kettengasse und Kornmarkt, in einer Kneipe nämlich mit einer glimmenden und qualmenden Zigarette und einem anregenden Getränk.
Wir werden eben alle alt, dachte ich bei mir, und das Gedächtnis läßt manchen schon sehr früh im Stich. Als ich im donaufisch unsren erfahrenen Hobbypsychologen Max traf und auf Gönners Vergessen ansprach, hatte dieser eine ganz andere Erklärung für das Verhalten des OBs parat.

Max meinte, es handele sich bei Gönners Vergessen um eine besondere Art der Verdrängung, die häufig bei Politikern in Wahlkampfzeiten auftrete. Dabei arrangiere das Unterbewußtsein des Politikers alle vergangenen Ereignisse im Bewußtsein so, dass sie nur in einer Form präsent seien, die viele Wähler anspreche und ihr Wahlverhalten beeinflusse. Der Politiker, meinte Max, könne für die Ammenmärchen, die er erzähle, oft gar nicht verantwotlich gemacht werden, da sich sein Unterbewußtsein jeder Einwirkung durch den Willens entzöge – ein Automatismus gleichsam. Meine Verblüffung war groß. So hatte ich die Sache noch nie gesehen.