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Marslanzen gegen ein harmonisches Donaufest? / 24.6.08

Er ist einer der bedeutendsten Literaturkenner und Sprachkritiker im Alb-Donau-Kreis. Mit scharfem Verstand und spitzer Feder urteilt er über die Werke von Kulturschaffenden und Medienzampanos. Unbestechlich, kritisch und sicher, stringent argumentierend und in glasklarer Sprache sondert er auf kulturellem Felde die Spreu vom Weizen. Wir sprechen vom Ulmer Reich-Ranicki, vom Hellmuth Karasek des Donaubüros Dr. Peter Zwey. Nun hat dieser Mann endlich eine Aufgabe erhalten, die seinen Fähigkeiten wenigstens einigermaßen entspricht : Im Rahmen des Ulmer Donaufestes vom 4. bis zum 13.7.2008 organisiert Zwey eine Reihe von Leseabenden, die es in sich haben.

Ein Höhepunkt der Veranstaltungsreihe ist eine Lesung mit dem Tatortkommissar Miroslav Nemec, der aus dem Buch „Das Walnusshaus“ von Miljenko Jergovic lesen wird. Unser Stammtisch hätte es zwar lieber gesehen, wenn Kommissar Ivo Batic zur Lesung seinen Kollegen Leitmayr mitgebracht hätte oder sogar der Rechtsmediziner Professor Boerne und Kommissar Thiel aus Münster hätten verpflichtet werden können. Aber auch wenn das nicht gelang, müssen wir neidlos feststellen: Mit dieser Lesung wird Dr. Zwey seinen eigenen Ansprüchen genügen und den zahllosen Ulmer Kulturbanausen ein Beispiel geben, wie eine Kulturveranstaltung mit Niveau auszusehen hat. Einer der großen zeitgenössischen Mimen (Miroslav Nemec verkörperte die letzten 17 Jahre 49 Mal den tiefgründigen und vielschichtigen Charakter des Kommissars Batic) liest aus einem der populärsten Werke der Gegenwartsliteratur.

Ein weiteres Highlight dürfte ein Abend mit Uwe Dick sein, der, wie es scheint, für eine Menge politischen Zündstoff sorgt. Dick wird aus seinem 2007 erschienenen Werk „Marslanzen“ lesen, in dem es um den Krieg der NATO gegen die Serben 1999 geht. Dick verurteilt in seinem Buch die zweieinhalb Monate dauernden Bombenangriffe der NATO auf zivile und militärische Ziele, die Serbien zu einer anderen Politik im Kosovo zwingen sollten, als völkerrechtswidrig und verbrecherisch. Wie sein österreichischer Kollege Peter Handke ist Dick entsetzt über die NATO, die USA und den SPD-Kanzler Gerhard Schröder, der die Angriffe nicht nur verteidigte, sondern aktiv unterstützte.

Während die Veranstaltung mit dem Tatortkommissar die Zustimmung der Ulmer CDU findet, stößt die Lesung der „Marslanzen“ auf heftige Kritik. Ein Sprecher der CDU findet es völlig verkehrt und provokativ, wenn eine Veranstaltungsreihe, die den Donauländern und der schönen Literatur gewidmet sei, derart politisiert werde. Schröder als „Kriegskanzler“ und die USA als „massenmörderische Weltdiktatur“ zu bezeichnen und von der „Faschistenfratze des Natopacks“ zu reden, wie es Dick in seinem Buch tut, sei völlig daneben. Der Oberbürgermeister müsse eingreifen und verhindern, dass eine international beachtete Veranstaltung den Ruf der Stadt nachhaltig schädige. Betroffen zeigte sich auch der Halbmarathonspezialist und MdL der SPD Martin Rivoir. „Wir haben Herrn Dr. Zwey bei der Organisation der Literaturabende vertraut.“ Noch im Januar habe dieser zugesichert: „Handkes Verdienst um die deutsche Sprache ist eindeutig. Doch politisch ist er wohl der reinste Tor, der uns nichts, gar nichts mehr zu sagen hat.“ Dass Zwey jetzt Dick einlade, der genau die gleichen Positionen wie Handke vertrete, macht Rivoir sprachlos. Wörtlich sagte der Abgeordnete :“Ein schönes Kuckucksei von Doktor Zwey.“

Der Kultur- und Literaturbeauftragte des Donaubüros Dr. Zwey kann indessen die ganze Aufregung nicht verstehen .Dick sei ein Autor, der „poetischen Klartext“ rede, der „Sprachgemische“ aufbreche, malträtiere, verhöhne und ad absurdum führe,der durch Sprachwitz und Originalität glänze. Mit Politik oder politischer Provokation habe das nichts, gar nichts zu tun. Leider seien die meisten zu einfältig, um das zu verstehen.

Wir vom Donaufisch freuen uns trotz aller Streitereien im Vorfeld schon auf eine turbulente Abendveranstaltung mit Uwe Dick.




 

Uwe Dick, Marslanzen